Meine liebe 2. Klasse,

einmal kam unter den Tieren der Wunsch auf, einen König zu haben und sie versammelten sich zur Wahl. Da flatterte es in der Luft, die Erde bebte unter all den vielen Tritten und die Fische sammelten sich im Wasser.

Zuerst sprang der wilde Stier in den Kreis. Staub wirbelte unter seinen Hufen auf. Er senkte den starken Nacken, zeigte seine spitzen Hörner und rief: "Ich bin der Stärkste, ich bin König!"

Die alte Eule wiegte bedächtig den Kopf, öffnete und schloss die großen runden Augen und sagte: "Das ist eine schwere Frage, die gut bedacht sein will. Sollte nicht besser der Weiseste unter uns König werden?" Alle Tiere versanken in tiefes Nachdenken; in die Stille herein zischelte die Schlange: "Ich weiß alles, ich bin schon König, seht ihr nicht mein Krönchen?"

Aber niemand beachtetet die Schlange, denn mächtig wogte das Meer und mit einer großen Welle ließ der Wal sich emportragen. "Ich bin der Größte und Friedliebendste, ich werden euch ein guter König sein" und hoch stieg sein Atemstrahl in die Luft.

Doch nun wurden die kleinen Tiere lebendig. Das Wiesel huschte munter, die Schmetterlinge vollführten Gaukeltänze in der Luft, die Grillen zirpten wie wild – und erst die Vögel! Das war ein Pfeifen, Gurren, Schnarren und Frohlocken! Und schon rief ein Vogel: "Wer am höchsten fliegen kann, der soll unser König sein.!" Der Hahn gab mit einem kräftigen Hahnenschrei das Zeichen und es begann ein emsiges Flügelschlagen auf und ab. Die Laufhühner und der Vogel Strauß waren Schiedsrichter und liefen aufgeregt hin und her, um alles genau zu sehen. Wer würde wohl am höchsten aufsteigen? Der mächtige Adler?

Bis spät in den Abend hinein zeigten die verschiedensten Tiere ihre Künste, aber wen sie wählen sollten, wussten sie immer noch nicht.

Ja, liebe 2. Klasse, nun überlegt bis morgen selbst einmal, wen ihr zum König der Tiere auserkoren hättet. Eines kann ich euch ja schon verraten: Der wilde Stier ist nicht König geworden.

Irene Klenk