Liebe 7. Klasse,

wissensdurstig und wagemutig drang der Forscherblick des Menschen nach dem Ende des Mittelalters in die Welt hinaus. Die engen Grenzen des eigenen Lebensraumes zu sprengen und unbekannte Fernen zu erkunden, das war die große Sehnsucht der berühmten Entdecker. Fremde Ufer lockten, und der Schiffsbau wurde entsprechend vorangetrieben. – Gleichzeitig setzte sich auch die Vorstellung durch, dass die Erde nicht etwa eine Scheibe sei, über deren Rand man ins Endlose stürze, wenn man sich zu weit hinaustraute, sondern eben ein Globus, auf dessen Ozeanen der Seefahrer sie umrunden könnte.

So wurde die Seeschifffahrt auch für den Handel immer wichtiger und beherrschte bald den weltweiten Warenverkehr. – Im Süden kämpften die Venezianer gegen die Türken um die Vormachtstellung im Mittelmeer. Im Westen hatten Portugal und Spanien die Seewege des Atlantiks fest im Griff, bis sie schließlich von den überlegenen Kriegs- und Handelsflotten der Niederländer und Engländer verdrängt wurden.

Rotterdam, irgendein Tag im frühen 17. Jahrhundert: Seit Wochen warten die wohlhabenden Reeder und Ratsvorsitzenden der "Vereinigten Ostindischen Companie" ungeduldig auf die Rückkehr eines großen Frachtschiffes aus Ceylon. Diese "Ostindische Gesellschaft", wie sie auch kurz genannt wurde, war die bis dahin mächtigste Handelsvereinigung der Welt. Sie transportierte in großem Stil Gewürze, Tee, Schmuck und kostbare Stoffe aus dem indischen Raum in den europäischen Norden.

Doch zurück in die holländische Hafenstadt: endlich zeichnen sich die Umrisse des Kauffahrers am dunstigen Horizont ab. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile. Und als der Dreimaster wenig später im Hafen einläuft, drängt sich bereits viel neugieriges Volk auf den Kais. Unter lautem Rufen der Matrosen wird das Schiff mit schweren Seilen vertäut, und dann beginnt ein Heer von Hafenarbeitern, über die angelegten Laufstege die wertvolle Ladung zu löschen. Pfeffer, Muskatnuss, Gewürznelke und Saffran verströmen fremdartige Düfte. Neben Perlmutt und edler Seide werden auch einige Kisten mit einem feinen blauen Pulver aus Indien entladen: Indigo, ein begehrter Farbstoff zum Einfärben von Tuch und Baumwolle (Ihr kennt ihn übrigens auch heute noch von euren Blue Jeans).

Bei all dieser Geschäftigkeit achtete wohl kaum jemand darauf, wie von den glitschigen Schiffsplanken eine dicke Ratte auf die steinige Kaimauer sprang, sich ängstlich umsah und rasch in einen der Lagerschuppen huschte. In ihrem Pelz aber saß ein kleiner Floh, der Rattenfloh. Mit diesem blinden Passagier kam neben dem Segen und Wohlstand durch den Überseehandel auch ein tödlicher Fluch nach Europa ... –

Davon sollt ihr in unserer Geschichtsepoche mehr hören!

Michael Angermann