vor etwa zweihundert Jahren traten in kürzester Zeit Veränderungen ein, durch die einige Menschen völlig ihrer sozialen Sicherheit und ihrer Arbeit entwurzelt wurden. Angefangen hat diese Entwicklung durch die Erfindung von Webmaschinen in England. Den Fabrikdirektoren, die auf große Gewinne aus waren und die Arbeitslöhne stets nach unten drückten, war es gleichgültig, ob Familien durch völlige Verarmung zugrunde gingen oder nicht. „Ich kriege euch noch dazu, dass ihr für einen Quarkkäse arbeitet. Wenn eure Kinder hungern, müsst ihr ihnen halt Häcksel geben." So oder ähnlich klangen die Worte der Fabrikdirektoren, wenn sich Heimarbeiter über ihren zu geringen Lohn beklagten. Wer erkrankte oder seine Arbeit versäumte, war sofort entlassen und dem Elend preisgegeben. Der Wochenlohn einer ganzen Familie reichte kaum zum Kauf von einer Hand voll Hirse. Die billigsten Arbeitskräfte waren die Kinder. Dabei betrug die Arbeitszeit der Kinder ab 6 Jahren 10 Stunden täglich, später sogar 14 oder 15 Stunden.
Doch gab es um 1830 in der Nähe von Edinburgh eine Ortschaft, New Lanark, zu der jährlich etwa 20 000 Besucher kamen, Politiker, Vertreter der Kirche, Pädagogen und andere Industrielle, um eine Fabrik, vor allem aber jedoch ein Arbeiterdorf zu besichtigen, in dem nicht erbärmliche, heruntergekommene Bretterbuden standen, sondern das zu den saubersten und gepflegtesten Dörfern Schottlands gezählt wurde. Ging man durch die Straßen, so war immer wieder ein Name zu hören: Robert Owen. Wer war dieser Robert Owen? Er wurde 1771 als Kind einfacher Leute in Wales geboren und lernte dort die Not des Arbeiters kennen. Es entstand in ihm der Wille, diese erbärmliche Lebenssituation zu verändern. Er galt als außergewöhnlich schüchtern, sanft und zurückhaltend. Durch Fleiß und Intelligenz arbeitete er sich in kürzester Zeit vom Lehrling zum Leiter einer großen, der ersten, Feinwollspinnerei empor. Schließlich wurde er selbst Fabrikant. Vom ersten Tag an kümmerte er sich um seine Arbeiter: Die Kinderarbeit für Kinder unter zehn Jahren wurde abgeschafft, die Arbeitszeiten wurden für Kinder über zehn Jahre auf 8 Stunden verkürzt und Kindergärten und Schulen eingerichtet.
Doch bevor es dazu kam, galt es für Owen, eine große Anzahl von Widerständen zu überwinden, nicht zuletzt die der Arbeiter selbst, die zuerst einmal mit großem Hass und Argwohn auf ihren Arbeitgeber schauten. Er gewann das Vertrauen seiner Arbeiter, weil er in einer Situation, in der über vier Monate nicht gearbeitet werden konnte, den vollen Lohn an seine Arbeiter auszahlte. Er baute Häuser für die Arbeiter, richtete einen Einkaufsladen, eine öffentliche Küche und einen Speisesaal ein. Er gab seinen Arbeitern die Möglichkeit der Weiterbildung und eröffnete eine Bibliothek, sogar eine Bank sollte die angesammelten Geldbeträge der Bevölkerung verwalten. Auch eine Alters- und Krankenversicherung sicherte in den Zeiten der Arbeitsunfähigkeit die Grundlage zum Leben. Um den Alkoholismus unter den Arbeitern zu bekämpfen, stellte er sich selbst in den Laden. Aus Achtung vor Owen scheuten sich dann viele, Schnaps zu kaufen.
Was ich euch geschildert habe, ist nur ein kleiner Teil von dem, was Owen für seine Mitmenschen nicht nur in Schottland, sondern durch sein Vorbild auch im industrialisierten Europa erreicht hat. Aber eines ist noch erwähnenswert: Vor allem die Kinder lagen ihm am Herzen. Nicht nur, dass er eine Kleinkinderschule einrichtete, er machte sich auch darüber Gedanken, wie die Erziehung der Kinder sein sollte. Dabei gebrauchte er immer wieder das Bild einer Pflanze, die gehegt und gepflegt sein soll. Jeder Drill und Zwang war ausgeschlossen, was zu der damaligen Zeit ungewöhnlich war, und – das wird die Sportlehrer freuen – auf Turnen und Tanzen wurde großer Wert gelegt.
Liebe 8. Klasse, wir werden in diesem Schuljahr immer wieder erleben, dass Menschen wie Robert Owen sich aus innerem Impuls dazu entschließen, die Situation ihrer in Not und Bedrängnis lebenden Mitmenschen durch neue Ideen, aus eigener Kraft und mit starkem Willen zu verändern. In jedem von uns liegt diese Persönlichkeitskraft. Diese Kraft wird uns in diesem Schuljahr, z. B. auch beim Klassenspiel, vonnöten sein.
Hubertus von Tschammer