Liebe Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse,

ein Angolaner in Dessau zu Tode geprügelt, ein Obdachloser auf Usedom erschlagen, drei Flüchtlingskinder aus dem Kosvo durch einen Brandsatz in Ludwigshafen verletzt. "Neger", "Asoziale" und Asylanten haben auf deutschem Boden nichts verloren, dachten die Täter und handelten. Letzten Sonntag dann wieder einmal eine Hetzjagd, zwanzig Rechtsradikale treiben zwei Asylsuchende durch die Straßen von Eisenach. Auf der Flucht im Zufluchtsland.

Seit langem sind auch nicht mehr nur Ausländer Ziele von Übergriffen. Skinheads bekämpfen alles, was nicht in ihr diffus-völkisches Weltbild passt: Homosexuelle und Behinderte, Linke und Liberale. Verprügelt werden auch Jugendliche, die "undeutsche" Musik hören, Hip Hop z. B., Dark Wave oder Punk. Obdachlose und Graffiti-Sprüher werden bedroht weil sie das Stadtbild verschandeln. Im Ostharz kam es sogar zu Angriffen auf alleinerziehende Mütter – sie sollten gefälligst eine ordentlich deutsche Familie gründen. Diese Chronik der Gewalt ließe sich beliebig fortsetzen.

Im Jahr 2000 stieg laut Bundesverfassungsschutz die Zahl der fremdenfeindlichen Gewalttaten um ein Drittel auf 998 Fälle. Täter sind demnach meist junge Männer, z. T. in eurem Alter, die alkoholisiert und aufgehetzt von rechter Musik, spontan zuschlagen wenn sie jemanden entdecken, der nicht ihrer Vorstellung eines Deutschen entspricht.

Doch Gewaltakte rechter Skinheads in Springerstiefeln sind nur die Spitze des Eisbergs. Ausländer werden in ganz alltäglichen Situationen diskriminiert. Sie bekommen seltener Angebote bei der Wohnungssuche als Deutsche, man gibt ihnen öfter keine Antwort, wenn sie nach dem Weg fragen. Dazu passt ein Experiment, welches die Marburger Universität am Marktplatz durchgeführt hat. Eine "deutsch" aussehende Frau fragte nach dem Weg zum Hauptbahnhof und bekam von 85 % der Befragten eine Antwort, eine südländisch aussehende Frau dagegen nur in 57 % der Fälle. Die Gründe für diese Fremdenfeindlichkeit sind sehr vielschichtig und kommen aus der Mitte der Gesellschaft: Gängige Vorurteile der Deutschen sind: Ausländer missbrauchen unser Sozialsystem. Oder die religiösen Gebräuche der hier lebenden Ausländer bedrohen unsere Art zu leben. Aber auch der Konkurrenzkampf um die Arbeitsplätze kann zum Fremdenhass beitragen. Viel entscheidender aber erscheint inzwischen allen, die sich mit dieser Thematik befassen, der fehlende Kontakt vieler Deutscher zu Ausländern. Wenn jemand einen Ausländer zum Freund hat, dann bewertet er auch die anderen Fremden positiver.

Ich glaube, dass in jedem von uns etwas von dieser diffusen Furcht vor dem "Fremden", dem Neuen steckt."

Ihr, die SchülerInnen der 9. Klasse steht nun auch am Beginn einer ganz neuen Situation, nämlich am Anfang der Oberstufe. Und obwohl sich die meisten von euch schon z. T. aus den Zeiten des Kindergartens kennen, sind sich doch viele von euch fremd geblieben. Ja, in den gemeinsamen Schuljahren haben sich Sympathien zu einigen, aber vielleicht auch starke Antipathien gegen andere ausgebildet. Gerade in den Antipathien leben sich aber oft auch die Gründe aus, die in der gesellschaftlichen Situation zum Fremdenhass führen können. Man gibt sich überhaupt keine Mühe, den MitschülerIn kennen zu lernen, sondern man lehnt ihn ab, weil er vielleicht nicht dem entspricht, was ich mir unter einem tollen Menschen vorstelle.

Euch wünsche ich, dass ihr die Fähigkeit entwickelt auch gegen den Druck der Gemeinschaft, oder anders gesagt, gegen Modeerscheinungen, wer denn gerade "in" ist, eine Kraft entwickelt, den anderen Menschen in seiner Andersartigkeit, in seiner individuellen Persönlichkeit anzunehmen. Es werden noch viele Belastungen, was die Klassengemeinschaft angeht, in den nächsten Jahren auf euch zukommen. Wenn Ihr es schafft, unvoreingenommen und auch in schwierigen Situationen niemanden auszugrenzen, Interesse auch an denen zu entwickeln, die euch bis jetzt eigentlich fremd geblieben sind, dann ist ein gutes Fundament für eine tragfähige Klassengemeinschaft gelegt. Was den Lernstoff angeht, so werden wir gleich in der ersten Deutschepoche Gelegenheit haben, Menschen kennen zu lernen, die nicht nur von Idealen reden, sondern sich auch ohne Rücksicht auf ihre Person dafür einsetzen. Ich wünsche euch von ganzem Herzen einen guten Start in die Oberstufe!

Martin Jennemann