Liebe 11. Klasse!

Was ich Ihnen heute erzählen möchte, hat sich in den frühen Februartagen im Himalaya-Gebirge zugetragen:

Auch in der vergangenen Nacht hatten die beiden Wanderer wieder Zuflucht vor dem heftigen Schneetreiben in einer der rußigen Steinhütten gefunden. Die Halbnomaden, die dort mit ihren Yakherden auf den Frühling warteten, hatten sie freundlich aufgenommen..

Da sie keine Karawane mit schwerbeladenen Yaks zu führen hatten und weder Hausrat noch schwarze Wollzelte durchs Gebirge schleppen mussten, machten sich die beiden gleich am nächsten Morgen wieder auf den Weg. Ihr Ziel, der See von Phoksundo, lag in 4 000 Metern Höhe. In seiner Nähe wussten sie ein Kloster, ob bewohnt oder nicht, konnten ihre Gastgeber ihnen auch nicht sagen.

Hoch über ihnen jagten die Wolken über den Himmel, aus den Tälern ringsum drang immer wieder das Donnern von Lawinen. Manchmal versanken sie bis zur Hüfte im tiefen Schnee. So stapfte schließlich jeder allein dem Ziel entgegen. Der Schnellere erschien gelegentlich als kleiner werdende Gestalt hoch in den Steilhängen wieder, der andere, in seiner Spur, hielt öfters inne und schöpfte Atem. Dabei erblickte er auf einmal tief unter sich in den Serpentinen ihrer Spur einen Mann, der ihnen folgte.

An seinem Fellmantel und an dem roten Schal, den er wie einen Turban in sein langes Haar gewunden trug, erkannte er ihren Gastgeber wieder. Der blieb nun auch stehen, winkte, rief etwas, und setzte sich erst wieder in Bewegung, als auch der Wanderer weiterging. Was wollte er in der Höhe? Zum See? Ohne Gepäck? Wollte er Ihnen den Weg weisen? Oder sie warnen? Aber wovor? Was immer seine Absichten waren, der andere verstand sie nicht.

Schon ihre Tauschgeschäfte am Morgen waren langwierig gewesen. Yakbutter hatten sie an seinem Feuer getauscht, geröstete Gerste, Dörrfleisch und Tee gegen ein Taschenmesser und ein paar Handschuhe. Und dann hatten sie in einer kleinen blinden Glasflasche trüben Reisschnaps als Geschenk angenommen. Entgegen der drängenden Aufforderung ihres Gastgebers hatten sie die Flasche aber nicht sofort geleert, sondern sie in ein Hemd eingewickelt und im Rucksack verstaut. Erst am Ziel wollten sie sich daran wärmen.

Die Spur des Freundes führte nun immer steiler nach oben, vorbei an gefrorenen Wasserfällen, bis zum Eingang eines flachen Hochtals, das von zahlreichen Tränenkiefern bewachsen war. Hier hielt der Mann Rast. Jetzt holte sein bisher so unnahbarer Begleiter ihn ein und setzte sich zu ihm in den Schnee. Er nahm eine Handvoll getrockneter Früchte an, lachte, forderte ihn immer wieder zum Trinken auf, indem er die Form des blinden Glasfläschchens in die Luft zeichnete und trank dann selber nur Yakbuttertee und keinen einzigen Schluck Reisschnaps.

Als sie weitergingen, fiel er wieder in seinen alten Abstand zurück. Es sollte noch fast eine Stunde dauern, bis der Wanderer die Uferhügel des Sees endlich erreichte. Die Häuser waren verlassen. Was er aus der Ferne für Rauchfahnen gehalten hatte, war Schnee gewesen, rieselnder, kristallfeiner Schnee, den der Wind von den Dächern wehte. Aber wo war sein Freund????

Da zupfte ihn plötzlich jemand am Ärmel, sein seltsamer Verfolger hatte ihn eingeholt, lächelte und wies auf ein halb zerfallenes Gebäude ganz in der Nähe. Jetzt entdeckte auch er seinen Freund, der seinerseits sehr erleichtert war, ihn endlich zu sehen. Zu dritt saßen sie dann um ein Feuer. Ein abgegriffenes Wörterbuch und ein paar Brocken Tibetisch, die sie kannten, halfen den beiden Europäern schließlich zu begreifen, warum der Mann ihnen durch den Tiefschnee bis ins Hochgebirge nachgegangen war: die Glasflasche, er wollte seine Flasche zurück! Es war das einzige Gefäß aus Glas, dass er besaß. Den Reisschnaps, sein Geschenk, sollten sie trinken, er wollte keinen einzigen Tropfen davon, aber das blinde Fläschchen musste zurück in sein Haus. Er war ihnen um ein leeres Gefäß einen ganzen Tag lang gefolgt! Als die beiden Männer endlich verstanden hatten, leerten sie das Fläschchen mit einigen Zügen und legten es behutsam in seine Hände zurück. Sie hatten selten einen so glücklichen Ausdruck im Gesicht eines Menschen gesehen!

Liebe Elftklässler! „Einer Sache nachgehen“, das ist so eine Redensart bei uns. „Ich will der Sache einmal nachgehen“, sagen wir vielleicht. Ich wünsche Ihnen, dass dies im kommenden Schuljahr keine Redensart bleibt, sondern dass Sie auf Themen stoßen, oder auf Fragen, die Ihnen persönlich so wertvoll erscheinen, das Sie ihnen nachgehen möchten, und sei es auch bis ins Hochgebirge! Dann werden Sie gewiss mit vollen Händen zurückkehren! In diesem Sinne, ein gutes elftes Schuljahr!

Angelika Kluge