als ich darüber nachgedacht habe, dass ich Sie heute als 12. Klasse anspreche, habe ich mir Ihre Klasse noch einmal genau vorgestellt und bei mir gedacht: das sind lauter interessante, sehr individuelle und ungewöhnlich ausgeprägte Persönlichkeiten, die da in einer Klasse zusammen sitzen – auch viel Klugheit ist da versammelt - jedoch sind sie oft noch ziemlich verspielt.
Nun das große Thema des kommendes Schuljahrs ist das Thema des Überblicks. Es zieht sich durch die einzelnen Fächer hindurch – und das hat schon etwas mit systematischem Arbeiten zu tun - !!
Bei dem Begriffspaar Spiel und Überblick ist mir dann eine Persönlichkeit in den Sinn gekommen, die Sie kennen und die wir in der Überblicksepoche im Fach Deutsch auf jeden Fall streifen werden: Friedrich Schiller.
Der hat in der Kindheit, wie man weiß, außerordentlich intensiv gespielt, tief versunken und mit viel Phantasie, hatte aber überdies eine Leidenschaft, die auch etwas mit Spiel zu tun hat, jedoch dazu führte, daß er unversehens verschwunden und unauffindbar war.
Er kletterte nämlich gerne auf hohe Bäume oder gar auf Hausdächer und schaute sich die Welt von oben an, genoss den Überblick und machte sich so seine Gedanken dabei – und das offenbar völlig versunken und stundenlang.
Es war zweifellos diese im kindlichen Spiel schon zutage tretende Betrachtungsweise, diese Weite des Blicks, die große Männer wie Wilhelm v. Humboldt und Goethe später veranlasste das Gespräch mit Schiller zu suchen. Beide erfuhren große Anregung durch ihn und fühlten sich durch sein Gespräch erhoben und den Horizont ihres Blickes erweitert.
Und eben dieser Schiller war es, der in der Höhe seiner Schaffenskraft eine Abhandlung schrieb, deren Kernsatz lautete: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.
Und bei diesem von ihm geprägten Begriff des Spiels, den wir uns dann noch genauer ansehen werden, sind wie im kindlichen Spiel die Hingabe an eine Sache oder einen Vorgang, die Vertiefung, die geistige Konzentration, gepaart mit Phantasie die entscheidenden Elemente.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein spielerisches Schuljahr und ein erfolgreiches Klassenspiel.
Hartmut Daniel