Liebe Schulgemeinschaft,
Der Sommer, die ersten Schulwochen liegen bereits hinter uns, es sind die warmen Sommermonate, in denen wir uns leichter bewegen, unbeschwerter leben und auch weit ausschwärmen.
Vor uns liegt die dunklere Jahreszeit und auch die Kälte des Winters. Wir befinden uns nun dazwischen, im Frühherbst, in der Tag- und Nachtgleiche.
In dieser Zeit, an Michaeli, halten wir inne, um uns zu besinnen, um in uns Kräfte wachzurufen, die uns helfen können entschlossener durch diese vor uns liegende Zeit zu gehen. Die meisten von uns haben in den letzten Wochen viele Bilder über Amerika, viele Berichte über die Terroranschläge in New York und Washington gehört. Unser Vertrauen ist erschüttert! Wenige Menschen haben sich selbst als Waffe eingesetzt, um viele tausende Unschuldige zu schädigen und mit in den Tod zu reißen. Demgegenüber möchte ich die Tat eines einzelnen Menschen stellen, der auch sein Leben einsetzte, aber um Leben zu erhalten und zu schützen und mit dieser Handlung vielen Menschen Hoffnung und Mut schenkte daran zu glauben, dass auch eine Einzeltat große positive Auswirkungen haben kann.
Ich möchte von dem Mut und der Entschlusskraft einer jungen Frau erzählen, Julia Hill, die 1974 in Amerika geboren wurde. Im August 1996 hatte die damals 22-jährige einen schweren Verkehrsunfall, den sie überlebte. Doch brauchte sie über ein Jahr, währenddessen sie hart trainierte um ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten zurückzuerlangen. Nach diesem Unfall beschloss sie, ihr Leben zu ändern. Sie suchte nach einer Aufgabe, ihrer Aufgabe im Leben, und machte sich auf zu einer Reise an die Westküste Amerikas. Dort kam sie in ein Gebiet, in dem seit Jahrhunderten riesige Mammutbäume, die Redwoods, stehen. Einige der Bäume sind 1 500 Jahre alt, ihre Stämme sind so mächtig, dass 10 Menschen sie nicht umfassen können. Der Anblick dieser Bäume machte Julia erst tief betroffen, dann empfand sie Freude und eine Art von Energie, die sie durch diese Bäume erreicht. Kurze Zeit später erfährt sie, dass wenige Meter hinter diesem Gebiet die Holzfirma Pacific Lumber auf ihrem Gelände diese einzigartigen Baumriesen gefällt hat. Das Abholzen dieser Bäume empörte und entsetzte diese Frau so tief, dass sie beschloss, etwas dagegen zu tun. Sie unterbrach ihre Reise, setzte sich an einen Baum und bat mit einer stillen Frage um innere Führung und Entschlusskraft. Dann fährt sie nach Hause zurück, denn ihr Entschluß steht fest: sie will sich für den Schutz dieser uralten Bäume einsetzen. Zu Hause verkauft sie alles, außer ihrer Violine. Mitte November 1997 ist sie wieder in Kalifornien. Die Waldschützer, mit denen sie Kontakt aufnimmt, lehnen ihre Mithilfe zunächst ab, denn die direkten Aktionen zum Schutz der Wälder beginnen im September und enden im November. Den Winter über finden keine Aktionen statt. Julia aber wollte bei einer sogenannten Baumbesetzung mitmachen. Das ist eine Möglichkeit, um die vom Fällen bedrohten Bäume zu schützen. Sitzt ein Mensch Tag und Nacht auf einer solchen Plattform, so kann dieser Baum und auch die im nahen Umkreis stehenden Bäume nicht gefällt werden. Die Baumbesetzung ist aber auch das letzte Mittel, wenn alles andere versagt hat. Die Waldschützer stehen so mit ihrem eigenen Leben für ihre Überzeugung ein. Das Abholzen dieser Bäume hat zur Folge, dass die Abhänge an denen sie stehen das Regenwasser nicht mehr aufnehmen können, es kommt zu Erdrutschen, die Flüsse und Bäche zerstören und ganze Ortschaften mit Schutt und Schlamm bedecken. So kommt es, dass Julia, Luna, einen uralten Redwood, besetzt. Der Baum sollte als nächster von der Holzfirma gefällt werden. In einer Vollmondnacht hatten die Aktivisten, die Waldschützer, bereits eine Plattform aus Holz, eilig zusammengenagelt, hoch oben im Baum errichtet. Der Name Luna sollte immer daran erinnern. Luna ist 65 Meter hoch und gut 1 000 Jahre alt. Er steht kurz unterhalb eines Berggipfels und man kann ihn meilenweit sehen. Der Baumriese hatte schon einen Waldbrand und einen Blitzeinschlag überlebt. Ganz unten am Stamm sind zwei Höhlen, die innen verkohlt sind. Der Durchmesser des Stammes beträgt 4 Meter. Um auf den Baum zu klettern musste sich Julia einen aus Isolierband bestehenden Gürtel um die Taille legen. Daran hingen Schlingen, die sie sich um die Beine legte sowie einige Karabinerhaken. Mit Hilfe einer speziellen Klettertechnik, bei der man durch ständige Gewichtsverlagerung die Kletterknoten abwechselnd zuzieht und wieder löst, kletterte sie den mächtigen Stamm hinauf. Nach 25 Metern im Baum überfiel sie Panik, sie schloss die Augen, drückte ihre Stirn, ihre Handflächen und ihre Fußsohlen gegen den Baum, stellte sich vor, dass die Energie, die durch diesen Baum "fließt", auch sie sicher machen würde und ihr Kraft gäbe. Endlich, nach 20 Minuten, erreichte sie die Plattform, deren Fläche 1,80 x 2,5 m betrug. Julia benötigte zwei Anläufe um dann länger, d.h. genau 738 Tage, auf diesem Baum zu leben. Versorgt wurde sie in dieser Zeit von einzelnen Aktivisten, die sie mit den notwendigsten Lebensmitteln, Kleidern und Kommunikationsgeräten, wie Handy, Funktelefon und Pager ausstatteten. Für Julia stand fest, sie würde den Baum erst dann wieder verlassen, wenn sie seinen dauerhaften Schutz erwirkt hatte. Sie lebte von nun an dort, kochte, aß, schlief, wusch sich dort oben und verrichtete auch ihre Notdurft. Sie kletterte viel im Baum und lernte ihn so kennen. Anfangs traute sie sich nur mit Gurt am Kletterseil zu klettern, später bewegte sie sich frei in 60 m Höhe im Baum. Auch merkte sie, dass sie sich nur sicher fühlte, wenn ihre Fußsohlen die Oberfläche des Astes auf dem sie standen, tasten konnten. So ließ sie die Schuhe weg. Eisige Winde setzten ihr zu, denn die Plattform wurde einzig von einer Plane geschützt, befestigt durch zahlreich verspannte Schnüre. Ein Sturm mit 150 km/h drohte sie vom Baum zu fegen. Hinzu kam, dass sie an einer Virusinfektion mit hohem Fieber erkrankte. Hinzu kamen noch ihre eigenen Zweifel hinsichtlich des Gelingens ihres Vorhabens. Julia brauchte viele Wochen, um sich an das Leben hoch oben im Baum zu gewöhnen. Das ständige Heulen des Windes empfand sie als besonders quälend.
Die Holzfirma reagierte auf die Besetzung mit dem Fällen dutzender Bäume, die im nahen Umkreis von Luna stehen. Dies sollte ihr natürlich Angst einjagen und mehrmals befürchtete Julia, durch streifende Äste eines fallenden Baumes hinabgeworfen zu werden. In ihrer Not nahm sie per Handy Kontakt zu einer Moderatorin auf, die über die Angriffe der Holzfirma in ihrer Radiosendung berichtete. Denn ein zusätzlicher Zweck der Baumbesetzung war auch, die Öffentlichkeit auf die Situation der Bäume aufmerksam zu machen.
Die Holzfäller von Pacific Lumber begannen nun, den dicken Stamm von Luna mit Äxten zu bearbeiten und wollten Julia so von ihrer Plattform zwingen. Immer wieder versuchte sie mit diesen Arbeitern zu sprechen, deren Lohn davon abhängig war, wieviel Bäume sie schlugen. Die Holzfirma setzte einen Hubschrauber ein, der ganz dicht über und um die Baumkrone von Luna flog. Julia filmte diesen "Angriff " mit einer Videokamera und wurde beinahe vom Baum gefegt. Durch Julias stetiges Ausharren auf der Plattform verhinderte sie tatsächlich das Fällen dieses Baumes und kämpfte so gegen die mächtige Holzfirma.
Gleichzeitig aber trug sie einen inneren Kampf aus. Sie begann alles zu hassen: die profitgierigen Aktionäre der Holzfirma, die Waldarbeiter, und die Menschen, die keine Achtung vor dem Leben und dessen Gesetzmäßigkeiten hatten. Wohlgemerkt, Julia war nicht grundsätzlich gegen das Fällen von Bäumen, sondern sie kämpfte für eine umweltgerechte Forstwirtschaft. Trauer und Frustration drohten sie zu überwältigen. Doch sie spürte, dass der Hass sie aushöhlte und schwach machte. Sie versuchte durch innere Sammlung und Gebete Kraft zu schöpfen, um dieses Hassgefühl in eine positive Kraft umzuwandeln. Die Holzfirma versuchte, sie durch Aushungern zum Hinabsteigen zu zwingen, d. h. sie unterbanden jegliche Proviantzufuhr. Mit Fantasie und Geschick gelang es Julias Helfern doch, ihr die nötigsten Sachen zu bringen. Nach 100 Tagen begann sich die Amerikanische Öffentlichkeit für diesen "Störfall" zu interessieren und eine breite Diskussion kam in Gang. Julia wurde plötzlich zu einer Figur des öffentlichen Lebens.
Um in Radiosendungen ihr Anliegen kompetent vertreten zu können, begann sie, sich das nötige Wissen darüber anzueignen. Sie sprach nun mit Experten über umweltgerechte Forstwirtschaft und las Artikel, die ihr Freunde aus dem Internet herunterluden. Das New College of California verlieh ihr den Ehrendoktor für Humanwissenschaften. Immer wieder versuchte sie per Handy mit dem Chef von P. L. ins Gespräch zu kommen, der erst nicht reagierte, sich dann aber später auf einen Dialog mit ihr einließ.
Immer dann, wenn Julia am Rande ihrer Kräfte war, versuchte sie, sich das Bild eines Schmetterlings ins Gedächtnis zu rufen:
Als Julia 8 Jahre alt war, blieb einmal ein Schmetterling über Stunden auf ihrer Hand sitzen. Das hatte sie als Kind zutiefst berührt und seitdem war der Schmetterling für sie ein Hoffnungsträger, ein Bild für die innere Wandlungsfähigkeit und Verletzlichkeit geworden. Sie nennt sich auch heute noch Julia Butterfly Hill.
Die Raupe spinnt sich in den dunklen Kokon ein, um dort in der Dunkelheit die Umwandlung zu einem Schmetterling zu vollziehen. Das bedeutet in der Bildsprache gesehen und auf den Menschen übertragen: wir müssen uns der eigenen inneren Dunkelheit zuwenden, uns selbst ins Gesicht sehen und uns mit unseren inneren Dämonen auseinandersetzen, um dann, nach einem Umwandlungprozess aus innerer Freiheit zu handeln.
Während des 16 Stunden dauernden Sturmes El Nino half ihr dieses innere Bild und ein innerliches "Gespräch" mit Luna. Am 18. Dezember 1999 wurde nach langen und zähen Verhandlungen der Vertrag über den dauerhaften Schutz von Luna und einer sich auf 70 Meter erstreckenden Schutzzone von P. L. unterzeichnet. Durch Julias mutige und vor allen Dingen lange Baumbesetzung wurden zahlreiche Menschen auf die aktuellen Umweltproblematiken aufmerksam und dafür sensibilisiert.
Viele Schulklassen in ganz Amerika und auch in Europa konnten und können sich für Julias Ziele ebenfalls begeistern und tragen heute mit dazu bei, die Natur und die darin lebenden Menschen und Tiere zu schützen. Diese Entschlusskraft, diese Klarheit und Stärke, die Julia aufbrachte: Wenn ich versuche, diese Eigenschaften als Bild anzuschauen, so kann ich diese in dem Bild des Schwertes wiedererkennen, für mich könnte dies ein Schwert Michaels sein.
Lilli Penert