"Musik fördert Lernen und soziales Verhalten" titelte die "Frankfurter Rundschau". "Singen gegen Stress und Angst" konnte man in der "Brigitte" lesen. Der Professor für Musikphysiologie und Musiker-Medizin Eckart Altenmüller fand heraus, dass jahrelanges Üben am Klavier oder auf dem Cello bei Berufsmusikern Teile der Großhirnrinde positiv veränderte und die Intelligenz förderte. So berichtete der "Spiegel" im Herbst letzten Jahres.
Nicht nur wegen dieser, für manchen wohl überraschenden, aber schon länger mehr oder eben weniger bekannten Aussage, spielen die Schüler unserer Schule spätestens ab der 5. Klasse ein Musikinstrument auf dem sie auch im privaten Instrumentalunterricht gefördert werden. Es gibt viele gute Gründe warum die Freie Waldorfschule darauf so viel Wert legt. Im Rückblick auf die eigene Jugend und Studienzeit wird wohl jeder seinen eigenen wichtigsten Aspekt des Instrumentalspieles oder Musizierens entdecken.
Das regelmäßige Üben – wichtigste Voraussetzung für jedes Lernen – schult die Selbstdisziplin, die Genauigkeit der Wahrnehmung, das Lernen wird gelernt, das bewusste Wiederholen mit der Absicht etwas bestimmtes zu verbessern, stärkt die Entschlusskraft, den Willen. Dies wird beim Üben an der Musik dadurch erleichtert, dass das Ergebnis schön ist, die Freude an der Musik befeuert die Arbeit, spornt an.
Ist man dann soweit, dass ein erstes Zusammenspiel möglich ist, mit dem Instrumentallehrer, zu Hause mit Eltern oder Geschwistern, FreundInnen, oder im Schulorchester, so erschließen sich Klangräume: das eigene – noch bescheidene Spiel – wird wichtiger Bestandteil eines großen mehrstimmigen Musikereignisses, in das die verschiedensten Instrumente integriert sein können: der Flötenspieler erlebt die wohltuende Tiefe des Celloklanges und umgekehrt erlebt der Cellospieler sein Spiel als Grundlage für die hellen beweglichen Melodien der Geigen und Flöten. Zum anderen erleben die kleinen Instrumentalisten sich als musikalische Seilschaft in der es auf jeden ankommt, wenn die Musik in ihrer Schönheit erlebbar werden soll. Kleine Schwächen werden von der Gemeinschaft getragen, durch besonderes Engagement kann jeder das Niveau des Musizierens heben, was wieder die anderen Spieler anspornt, ihr Bestes zu geben.
Die Schüler wachsen beim gemeinsamen Musizieren über sich hinaus, sie trauen sich mehr loszulegen als allein spielend. So werden beim Üben an der Musik soziale Fähigkeiten erlernt, echte Sozialkompetenz erworben. Hinzu kommt noch, dass man sich gemeinsam an der Musik erfreut; ein gemeinsames Erlebnis im Musizieren kann eine tiefe menschliche Begegnung beinhalten. Hier klingt bereits an, was, je älter die Kinder werden, eine immer größere Rolle spielt: das Erschließen innerer musikalischer Erlebnisräume.
Gerade in der Pubertät suchen die Jugendlichen diese inneren Räume, in die sie sich zurückziehen können, in denen sie ihre ganz eigene Welt erleben können oder sogar durch Improvisation ganz Eigenes schaffen können. Diese Räume werden auch durchaus zum musikalischen Austoben aufgesucht: Traurigkeit, Frust, Wut, Verzweiflung lassen sich so "bearbeiten", leichter ertragen oder sogar verwandeln. Die passivere Variante dieser Seite wird im Musikhören gepflegt, wo Schüler selbst davon sprechen, dass ihr "Lebensgefängnis aufgeht", die Musik Freude, Glück, Hoffnung und Träume bringt. Wer diese ganz realen inneren Erlebnisräume kennen und lieben gelernt hat, der wird vielleicht weniger leicht eine dauerhafte Neigung entwickeln die künstlichen Erlebnisräume, die sich durch Drogenkonsum eröffnen – im Gegensatz zu den künstlerischen Erlebnisräumen der Musik – betreten zu wollen.
Für manchen Studenten in der Phase intensivsten Lernens ist die musikalische Betätigung ein idealer Ausgleich für kopfbetonte Arbeit. Auch Schüler werden dies mehr oder weniger bewusst so erleben und einsetzen. Im Arbeitsleben stehende Erwachsene holen wieder ihre alte Geige heraus, suchen regelmäßig einen Chor auf oder fangen ganz neu an, ein Musikinstrument zu erlernen. Die Betätigung von Kopf, Herz und Hand wird als harmonisierend, entspannend (trotz der Leistung, die erzielt wird) und so erlebt, dass man auf angenehme Weise zu sich kommt.
Schließlich ist das Verhältnis, das zwischen dem Schüler und dem Instrumentallehrer entstehen kann,gerade in der Pubertät ein besonders Bedeutungsvolles. Er kann wichtige Vertrauensperson sein, die meist unbelasteter ist als Eltern oder Lehrer. Denn: Welcher Erwachsene nimmt sich schon einmal pro Woche eine Stunde Zeit - ausschließlich für ein Kind, einen Jugendlichen?
Nun wissen wir also noch besser, warum jedes Kind ein Musikinstrument erlernen soll. Welches soll es aber sein? Soll man dem häufigen Jungenwunsch nach einem Schlagzeug entsprechen, das populäre Saxophon wählen, sich den vielen Klarinettisten anschließen, oder als Mädchen einfach Querflöte lernen, das Klavier bearbeiten, welches sowieso zu Hause steht, das Instrument der Freundin auswählen, oder einfach Geige spielen, wie jeder brave Waldorfschüler? So vielschichtig die Entscheidungsfindung auch sein wird, eines muss gewährleistet sein: Der Schüler muss das Instrument wirklich spielen wollen! Und da frage man sich ernsthaft, ob nicht ein allzu pragmatischer Gesichtspunkt, ausschließlich die Sympathie zu einem Menschen oder der Wunsch cool zu sein, die Entscheidung in eine ungeeignete Richtung drängt.
Geeignet ist,
- was bewältigt werden kann. Hat ein Kind wirklich die Geduld, Konsequenz,
das Gehör, die Bewegungsbegabung Geige oder Cello zu lernen? Oder bietet sich eher ein Blasinstrument an, das zwar auch regelmäßig geübt sein will, aber nicht so komplex in der Handhabung ist, wie die Streichinstrumente;
- wozu ein echtes, persönliches Verhältnis besteht oder z. B. durch einen
Lehrer aufgebaut werden kann;
- was zu dem Kind passt. Einem ruhigen phlegmatischen Kind wird man eher ein tiefes Instrument anraten wie z. B. Horn, Posaune, Cello oder Bratsche. Einem temperamentvollen Sanguiniker liegt dann der helle Klang der Geige näher, oder die Querflöte.
Hier kann es auch hilfreich sein, den sinnlich-motorischen Umgang mit dem Instrument zu berücksichtigen: spielt man am Klavier doch ausschließlich mit den Fingerspitzen (unter Beteiligung des ganzen Armes), später auch etwas mit den Füßen, bei der Geige und beim Cello hat man den direkten Fingerkontakt mit der schwingenden Saite (jede kleinste Bewegung verändert den Ton in mannigfaltiger Weise), bei der Klarinette, der Oboe, dem Fagott nimmt man einen Teil des Instrumentes in den Mund und bildet hier durch differenzierte Zungen- und Lippenbewegung den Ton, die Trompeter, die Posaunisten und die Hornisten werden sogar Teil des Instrumentes selbst, indem nur ihre schwingenden Lippen den Ton erzeugen. Daraus ergibt sich eine ganz unterschiedliche Nähe zum Instrument: der Organist, etwas weniger der Pianist, ist am weitesten entfernt von der Tonerzeugung, hat das distanzierteste Verhältnis zu seinem Instrument, der Blechbläser (Horn, Trompete, Posaune) ist selbst ein Stück – und zwar entscheidendes Teil – des Instrumentes. Wer es also durch deutliche Musikalität schafft, diese Distanz vom Herzen über die Hand bis hinein in das Klavier zu überbrücken, ist hier sicher richtig, wer eher einen direkten Kontakt braucht, oder sich nicht so leicht verbindet, der sucht sich wohl lieber ein Blasinstrument aus.
Rezepte lassen sich hier nicht geben. Man muss versuchen, das Kind genau wahrzunehmen und aus den verschiedenen Gesichtspunkten heraus, meist im Gespräch mit dem Musiklehrer oder/und Klassenlehrer, eine Entscheidung zu treffen. Viele Instrumentallehrer bieten auch Probestunden an. Auch kleine Konzertbesuche können hilfreich sein. Der beratende, mitentscheidende Erwachsene sollte sich in jedem Fall hüten, seine eigenen Wünsche und Jugendträume im Kind verwirklicht sehen zu wollen. Der Abbruch eines angefangenen Instrumentalunterrichtes ist immer heikel, zu leicht hindert solch ein Negativerlebnis, einen Neuanfang zu wagen. Auch der Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns ist wichtig. Der Wille, ein Instrument lernen zu wollen, sollte entwickelt sein. Zu frühes Beginnen führt leicht zum vorzeitigen Abbruch.
Für Streichinstrumente hat sich als gutes Einstiegsalter der Zeitraum der 3. Klasse bewährt. Blasinstrumente, je nach der Methode des Lehrers und nach dem Instrument ab der 3. Klasse, Fagott und Oboe ungefähr ab der 5. Klasse.
Und wenn Sie jetzt ein Instrument brauchen, dann kann die Schule in den meisten Fällen eines verleihen, auch die Musikschule verleiht Instrumente.
Wer das Oberstufenorchesterkonzert gehört hat, der weiß auch, dass die Mühe und Geduld, die sowohl die Kinder, als auch die begleitenden Erwachsenen - vor allem in der Anfangszeit des Lernens - aufzubringen haben, sich sehr lohnen, und dass das Musizieren schon lange vor der Oberstufenzeit allen Beteiligten viel Freude macht. – Und das ist das Wichtigste!
Detlev Schulz
Literatur
Stephan Ronner Warum Musikunterricht?
Verlag Freies Geistesleben
Josef Scheidegger und Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung
Hubert Eiholzer, Hrsg. Musikedition Nepomuk
Michael Kalva Begegnung mit Musik (Ein Überblick über den Lehrplan
des Musikunterrichts an der Waldorfschule)
Verlag Freies Geistesleben
Wolfgang Wünsch Menschenbildung durch Musik
Der Musikunterricht an der Waldorfschule
Verlag Freies Geistesleben