Ein Musikunterricht für jeden Schüler

Die Laptop-Offensive von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD): Chip, chip, chip soll es von allen Dächern unserer PC-und laptopaufrüstenden Schulen tönen. Ob das Ganze von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt dahingestellt. Denn wenn zum Beispiel die Schüler keinen "Bock" haben, ahnungslosen Lehrern einen PC zu erklären, was dann? Immerhin, der Finanzaufwand der technischen Schülerausstattung macht schon staunen: Jeder der zehn Millionen Schüler in Deutschland soll bis zum Jahr 2006 über einen eigenen Laptop verfügen. Kosten: geschätzte 80 Milliarden Mark, aufzubringen von Bund, Ländern, Städten und Kreisen.

Man braucht kein Pessimist zu sein, um kritische Fragen zu stellen. Das von Kindern spielend beherrschte "Internet" macht die Welt zu einem vernetzten Dorf, vielleicht auch zum "globalen Doof". Wann nämlich war je eine Gesellschaft - trotz oder gerade wegen PC, Internet und Handylitits - so uneins darüber, worauf sie sich noch verständigen kann? Wie steht es um die soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz der Generation?

Amerikanische Kulturkritiker (wie Theodore Roszak) sprechen gar vom Verlust des Denkens durch den Einzug des Computers in die Kinderzimmer und Schulen aufgrund eines digitalisierten Denkens. "Naives Staunen" müsse erzeugt werden als Ausgleich für den heimlichen Lehrplan des Datenverarbeitungsmodells des Geistes. Musiker wissen, dass diese Kunst des (kindlichen) Staunens und des Sich-Wunderns in den kreativen Spielräumen der Musik erlebt werden kann. So gesehen, muss in der Schule die Versinnlichung zu ihrem Recht kommen, neben der Verhirnlichung. Denn das Denken kommt immer erst durch die Schulung der Sinne in Gang. Wie sonst? Keine Frage: Unsere Schulen dürfen sich einer zweiten (technischen) Alphabetisierung nicht verweigern, doch sie sollten keinesfalls das eine tun und das andere dafür lassen. Damit sind die Künste gemeint, insbesondere die Musik an den allgemeinbildenden Schulen. Denn dafür gibt es gute Gründe, wie aktuelle Forschungsergebnisse in Musikpädagogik und Medizin (Abteilung Hirnforschung) belegen. Harte empirische Daten weisen nach, dass Musik und Musizieren eine signifikante Verbesserung der sozialen Kompetenz, eine Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation, einen bedeutsamen IQ-Zugewinn, eine Kompensation von Konzentrationsschwächen, eine Verbesserung der emotionalen Integration, eine Minderung von Angsterleben und überdurchschnittlich gute schulische Leistungen trotz zeitlicher Mehrbelastung durch die Musik bewirken. Was soviel heißt: Musizieren fordert und fördert jene von Wirtschaft und Industrie favorisierten Persönlichkeitsmerkmale: Teamfähigkeit im Ensemblemusizieren, emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit beim Spielen. Kreativität bei der Interpretation eines musikalischen Werkes. Wenn ein Musiker (so Geiger Jascha Heifetz) "die Nerven eines spanischen Stierkämpfers, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die Chuzpe einer Pariser Nachtclubesitzerin" braucht, dann wird die Musik diese Eigenschaften bei jedem Musizierenden mehr oder weniger ausprägen, und sie werden ihm über die Musik hinaus von Vorteil sein. Mit dem Geist-, Kreativitäts-, Sozial- und Gefühlskapital unserer Künste können wir die Schulen zu "Kreißsälen der Zukunft" ausbauen. Freilich sollte, bei allen Transfereffekten, eines nicht übersehen werden: Die Begabung zur Freude am Schönen, am Spielerischen und am Kreativen bleibt primäres Ziel der Musik in den allgemeinbildenden Schulen. Mit Musik machen wir junge Menschen zu "Schöpfern von Kultur". Mit der Folge: Jedes Kind kann durch die Musik zu seinem eigenen Walkman werden.

Die Künste sind geradezu prädestiniert, das Auseinanderdriften von maschineller Rationalität und menschlicher Emotionalität im PC-generierten Zeitalter aufzuhalten oder gar zu verhindern. Daher der Appell an die Bundesregierung, für Laptops weniger "auszugeben" und dafür auch in Instrumente zu "investieren". Wir freuen uns einstweilen auf das Parallelprogramm mit der leicht veränderten, aber hoffnungsfrohen Schlagzeile: "Ministerin Bulmahn will für jeden Schüler ein Musikinstrument."

Hans Günter Bastian

(Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.11.2000)

(Der Verfasser ist Professor für Musikpädagogik an der Universität Frankfurt)