Steiner, ein Rassist?

Schüler, Eltern und Lehrer setzen sich mit

Rassismusvorwürfen auseinander

In Fernsehsendungen und Zeitungen wurden in jüngster Zeit Vorwürfe gegen die Waldorfschulen erhoben, dass angeblich rassistische Lehrinhalte im Unterricht vermittelt und sogar jüdische Schüler ausgegrenzt werden. Einen Vorreiter spielte dabei das Fernsehmagazin „Report“.

Dies veranlasste Mitglieder des Elternbeirats und Kollegiums der Marburger Waldorfschule einen Arbeitskreis zu bilden, um sich mit den Argumenten auseinander zu setzen und gegen zu erwartende neue Unterstellungen vorzubereiten. In Sitzungen des Elternbeirats wurden die Grundlagen des Geschichtsunterrichts für die 5.Klasse vorgestellt und diskutiert. Der Arbeitskreis sammelte die verschiedenen Dokumente, um sie in einer kleinen Ausstellung Eltern, Lehrern und Oberstufenschülern vorzustellen. Auf Wandtafeln und in einer Computersimulation konnten die verschiedenen Dokumente und Zeitungsartikel angesehen werden:

Eltern, Lehrer und Oberstufenschüler waren herzlich eingeladen die Ausstellung zu besichtigen. Die Ausstellung war zur öffentlichen Elternbeiratssitzung am 13.03. erstmals eingerichtet, danach konnte sie im „alten Hort“ angesehen werden. Oberstufenschüler machten mit ihren Lehrern ebenso davon Gebrauch, wie auch Eltern am Elternsprechtag Ende April.

Zum Verhältnis von Anthroposophie und dem Antisemitismusvorwurf wird auf die jüngste Untersuchung von Manfred Leist, Lorenzo Ravagli und Hans-Jürgen Bader hingewiesen. Diese ist als Broschüre unter dem Titel „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“ erschienen und im Schulbüro gegen einen Unkostenbeitrag zu erwerben.

Die Mitglieder des Arbeitskreises (Herr v. Tschammer, Herr Göller und Herr Reckling) stehen weiterhin für interessierte Fragen gerne zur Verfügung.

Rudolf Steiner als aktiver Gegner des Antisemitismus

Lorenzo Ravagli

Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.

Rudolf Steiner, Philosophie der Freiheit 1894

Eine wissenschaftliche Studie, die beim Bund der Freien Waldorfschulen erhältlich ist1, weist nach, dass Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie (1861-1925), ein aktiver Gegner des Antisemitismus war. Damit sind anders lautende Behauptungen, die vor allem seit einer »Report«-Sendung im Februar 2000 über Waldorfschulen und deren Begründer Steiner kursierten, widerlegt. Antisemitismus-Vorwürfe gegen Steiner sind auf fehlenden Überblick über den Gesamtzusammenhang und die Bedeutung seiner Anschauungen zurückzuführen.

Steiner lehnte Antisemitismus und Rassismus während seines ganzen Lebens ab

Steiner verurteilte bereits Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts einen der profiliertesten Vertreter des Antisemitismus in Deutschland, den Sozialisten Eugen Dühring. Dieser plädierte in Veröffentlichungen für eine gewaltsame Endlösung der „Judenfrage“. Steiner bezeichnete Dührings Antisemitismus als „barbarisch und kulturfeindlich“. In Publikationen taxierte er den „Rassenkampf“ als die "widerlichste Form des Parteienstreits".

In den 90er Jahren wandte Steiner sich vehement gegen die „empörenden Ausschreitungen der Antisemiten“ und brandmarkte die „antisemitischen Wüteriche“ als Feinde der Menschenrechte. Als überzeugter Liberaler, dessen Positionen mit denen des liberalen Judentums (Reformjudentums) übereinstimmten, trat er für die volle rechtliche und soziale Gleichstellung der europäischen Juden und ihre Integration ein: „Die Juden brauchen Europa und Europa braucht die Juden“, schrieb er l888.2 Der antisemitischen Hasspropaganda setzte er sein Ideal entgegen: „Nur auf die gegenseitigen Wirkungen der Individuen sollte Wert gelegt werden. Es ist doch einerlei, ob jemand Jude oder Germane ist ... Das ist so einfach, dass man fast dumm ist, wenn man es sagt. Wie dumm muss man aber erst sein, wenn man das Gegenteil sagt.“

Antisemitismus als Gegenteil jeder gesunden Vorstellungsart

Im Jahr 1900 stellte Steiner den Antisemitismus als „Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften“ der Neuzeit, als „Ausdruck von geistiger Inferiorität“, als „Zeugnis der Abgeschmacktheit“ und als „Gegenteil jeder gesunden Vorstellungsart“ bloß. In einer Serie von Aufsätzen, die er 1901 für den Berliner »Verein zur Abwehr des Antisemitismus« schrieb, wandte er sich gegen den Germanenmythos der deutschen Rassisten und deren „unsinnige antisemitischen Schwätzereien“. Die Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden in europäischen Ländern verglich er mit "Zuständen der Sklaverei". Wer an die Ideen der Menschenrechte glaube, müsse sich sagen: „Der Antisemitismus ist ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen. Er spricht vor allem der Idee Hohn, dass die Menschheit höher steht als jede Form (Stamm, Rasse, Volk), in der sich die Menschheit auslebt.“3

Steiners klare Stellungnahmen gegen Antisemitismus und Rassismus ziehen sich durch sein ganzes Lebenswerk hindurch. Sie ergeben sich aus dem philosophischen Fundament der Anthroposophie, dem »ethischen Individualismus«, den Steiner bereits in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts konzipierte. Sein Gegenstand ist die selbstbestimmte geistige Individualität und deren Emanzipation von Denkweisen und Lebensformen, die den Menschen aus Rassen- oder Volkseigentümlichkeiten erklären wollen.

Antisemitismus als „Gefahr für die Juden und die Nichtjuden“

Steiner erwies sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als prophetisch, wenn er im Antisemitismus eine kulturelle und politische Verfallserscheinung sah und vor dessen Gefährlichkeit warnte. Der Antisemitismus vergifte nicht nur die politische Kultur, er gefährde nicht nur die Juden, sondern alle Menschen. „Der Antisemitismus ist nicht allein für die Juden eine Gefahr, er ist es auch für die Nichtjuden.“3 Der Antisemitismus (und mit ihm der Rassismus) ist Symptom eines geistigen Verfalls, er ist Symptom einer Kulturkrankheit. Deswegen ist es die Pflicht aller Menschen, diesen „auf allen Gebieten so energisch als möglich“ zu „bekämpfen“3

Die damals grassierenden Rassenantipathien bewertete er als Ausdruck „dumpfer Empfindungen“ und „Instinkte“. Diese wurden in völkischen und rassistischen Bewegungen artikuliert und vom Nationalsozialismus zusammengefasst, der sich frühzeitig gegen Steiner wandte. Der nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie wurde bereits 1921 im »Völkischen Beobachter« eröffnet. Adolf Hitler höchstpersönlich blies zur Kampagne gegen Steiner, indem er die Anthroposophie als eine „jüdische Methode zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker“ denunzierte4.

Steiner war zu dieser Zeit mit bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten bekannt, u.a. - trotz seiner Kritik am Zionismus - mit den Zionisten Ernst Müller und Hugo Bergmann befreundet. Der letztere war Mitbegründer des Friedensbundes „Brith Shalom“, dem später Gershom Sholem und Martin Buber angehörten. Als Rektor der Hebräischen Universität Jerusalem setzte Bergmann sich für eine Verwirklichung der politischen Ideen Steiners in Palästina ein, weil er die Lösung der „arabischen Frage“ nur durch die Überwindung des Nationalstaatsprinzips für möglich hielt.

Zionismus als Folge des Antisemitismus

Wegen seiner generellen Vorbehalte gegen nationalstaatliche Bestrebungen lehnte Steiner auch den Zionismus ab5. Er sah in ihm eine Folge des zunehmenden Antisemitismus: „Wer offene Augen für die Gegenwart hat, der weiß, dass es unrichtig ist, wenn man meint, es sei die Zusammengehörigkeit der Juden untereinander größer, als ihre Zusammengehörigkeit mit den modernen Kulturbestrebungen. Wenn es in den letzten Jahren auch so ausgesehen hat, so hat dazu der Antisemitismus ein Wesentliches beigetragen. Wer, wie ich, mit Schaudern gesehen hat, was der Antisemitismus in den Gemütern edler Juden angerichtet hat, der musste zu dieser Überzeugung kommen.“5 Hier wie auch an anderen Stellen finden wir explizit eine Widerlegung der Steiner von manchen Autoren unterstellten Ansicht, die Juden seien am Antisemitismus schuld und stünden einer Verständigung durch ihren Zionismus im Wege. Der Zionismus ist für Steiner eine Folge des Antisemitismus und nicht umgekehrt.

Steiner: Die Zeit der Gebotsethik ist vorbei – der Freiheitsethik gehört die Zukunft!

In dem Aufsatz Steiners über Hamerlings »Homunkulus« (1888), in dem er Hamerling gegen Antisemitismus-Vorwürfe in Schutz nimmt, findet sich ein erklärungsbedürftiger Satz, der gelegentlich - trotz der Zielrichtung des Aufsatzes - als Indiz oder gar Beweis für Steiners antijüdische oder antisemitische Einstellung angeführt. Die Tatsache, so Steiner, dass sich das Judentum innerhalb des modernen Völkerlebens erhalten habe, sei ein „Fehler der Weltgeschichte“. Er fährt fort: „Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise.“7 Aus dem folgenden Text wird deutlich, worin Steiner den Fehler sieht: darin nämlich, dass das Judentum „ein aus dem grauen Altertum in die Neuzeit hereinverpflanztes und hier ganz unbrauchbares sittliches Ideal“ vertrete. Diese Bemerkungen Steiners, die in sein bedingungsloses Plädoyer für die jüdische Existenz in Europa eingebettet sind („die Juden brauchen Europa und Europa braucht die Juden“), sind ideengeschichtlich zu lesen. Mit dem „sittlichen Ideal“ und der „jüdischen Denkweise“ zielt Steiner gegen den Glauben an einen abstrakten Monotheismus und gegen eine Gebots- oder Pflichtethik, die sich aus der Offenbarung ableitet. Aus derselben Überzeugung kritisierte Steiner die zeitgenössische „christliche Denkweise“, die das emanzipierte Individuum moralischen Normen unterwerfen wollte. Steiner hielt es dagegen für nötig, den Zwang des moralischen Gesetzes zugunsten der individuellen Freiheit zu überwinden. Führende Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala) drückten sich viel radikaler aus als Steiner. Als extremer Vertreter ist Moses Hess zu nennen. Die historische Rolle der mosaischen Religion sei ausgespielt, schrieb er im 19. Jh., das von Gott auserwählte Volk müsse für immer verschwinden.8 Steiner arbeitete im Gegensatz dazu Aspekte der mosaischen Religion heraus, die ihm zeitlos gültig erschienen.

Positive Würdigung des Judentums

So betonte er die zentrale Bedeutung des Judentums für die Konstitution der neuzeitlichen Epoche des Abendlandes. In einem öffentlichen Vortrag9 von 1910 erkannte er Moses eine Aufgabe zu, die bis in die Gegenwart fortwirke und noch nicht abgeschlossen sei: „Was die spätere Menschheit dem Moses verdankt, ist die Kraft, Vernunft und Intellekt zu entfalten“ und „aus dem vollen Ich-Bewusstsein heraus im vollen Wachzustande ... über die Welt zu denken... 10 „Moses steht da als der Begründer der neuen, intellektualisierten Weltanschauung, die durchaus noch nicht abgelaufen erscheint, die den Menschen erst wieder lehren wird, die Lebenspraxis in Einklang mit den Naturerscheinungen zu bringen, wie Moses es getan hat.“

Durch die Entwicklung des Monotheismus und die Verkündung eines moralischen Gesetzes hatte Moses den göttlichen Willen in das menschliche Innere verlegt. Damit waren die Voraussetzungen für die Emanzipation des menschlichen Ich vom Gesetz gelegt. Insofern sah Steiner im Fortschritt von der Gebotsethik zur Freiheitsethik eine konsequente Weiterentwicklung des Judentums: Der Mensch soll sein eigener Gesetzgeber werden.

Daher nahm er bei der Gründung der Waldorfschule jüdische (und auch christliche) Elemente in einem Umfang in den Lehrstoff auf, der unter den namhaften pädagogischen Richtungen ohne Beispiel ist. Die Geschichte Moses‘ und die Bildung des historischen Israel sollte nicht nur gedanklich, sondern auch gefühlsmäßig ein Mitgehen mit den großen Erzählungen unseres Kulturkreises ermöglichen.

Auch Steiners Behandlung der jüdischen Mystik 1902 und 1924 zeigt12, dass er innerhalb der jüdischen Religion, ebenso wie bei anderen Weltreligionen, verschiedene Schichten der Tradition unterschied und zu überaus differenzierten Urteilen in der Lage war.

Fazit

Auch wenn es eines derartigen „Beweises“ nicht bedarf, so kann die Beurteilung durch die Nationalsozialisten doch zeigen, wie abwegig die gegen Steiner erhobenen Vorwürfe sind. In den Jahren 1935/36 stuften sie die Anthroposophie in mehreren Gutachten, die u.a. zum Verbot der Waldorfschulen führten, als „extrem rassefeindlich“ und „schlechthin unvereinbar mit der nationalsozialistischen Weltanschauung“ ein.13

Nachdem sich in Steiners schriftlichem Werk eine Vielzahl von Zeugnissen für seine aktive Gegnerschaft gegen den Antisemitismus finden, sind alle sonstigen Aussagen zu Fragen des Judentums (besonders solche im Vortragswerk), von seiner erklärten Gegnerschaft gegen Rassismus und Antisemitismus her zu lesen.‘14. Angesichts seiner ausdrücklichen, öffentlichen, permanenten, z.T. polemischen Distanzierungen von jenen Ideologien können gegenteilige Deutungen jedenfalls nicht aufrecht erhalten werden.

Anmerkungen:

unter „Aktuelles“

22, S. 1

5. wie seinerzeit die meisten westeuropäischen Juden. Vor dem Hintergrund

eines vorübergehenden politischen Einflussverlustes des Antisemitismus

stufte er den Zionismus wegen der befürchteten Gefährdung der jüdischen Assimilation einmal sogar als gefährlicher als den Antisemitismus ein, of-

fenbar in polemischer Absicht angesichts des Zionistenkongresses von 1897

6. GA 31,S.409

7. GA 32, Dornach 1971, 5. 152

8. Walter Laqueur: Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus,

Wien 1972, S. 65

9. GA 60, Dornach 1959, Vortrag vom 9. März 1911, S. 410 f.

10. Ebenda, 5. 426.

gende Vortragsreihe über die Genesis (GA 122). Diese ist für seine Beur-

teilung der jüdischen Religion unbedingt hinzuzuziehen

12. Siehe Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache und die

Mysterien des Altertums (GA 8, 1902) sowie GA 353, 12. Vortrag

13. Jakob Wilhelm Hauer an den Sicherheitsdienst RFSS. Oberabschnitt Süd-

West, Stuttgart, vom 7. Februar 1935. BAD R 4901-3285 sowie Bericht des

SD-Hauptamtes Berlin über „Anthroposophie“ vom Mai 1936, BAD Z/B 1

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14. Einen bedeutenden Beitrag zu dieser Arbeit hat David Schweizer mit sei-

nem Aufsatz „Der kosmische Christus im Judentum“, lnfo 3, 6/2000,

Kontemporär, 5. 12 f. geleistet. — Man vergleiche auch die zum Ver-

ständnis des komplexen Themas wesentlichen Beiträge von Ralf Sonnen-

berg im »Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2000« und in »Die Drei,

1/2001«

Peter Reckling