Auf Einladung von Herrn Hoh, Professor für Achitektur an der Kaugnam-Universität in Seoul, und im Auftrag der Freien Hochschule für Waldorfpädagogik in Stuttgart flogen wir am 5. Januar 2001 in 12 Stunden nach Seoul. Start und Landung waren stürmisch, so dass wir für ein so anderes Land ordentlich aus unserem deutschen Anzug geschüttelt ankamen. Der riesige Gebäudekomplex, ca. 30 km von Seoul, auf dem Lande, gehört der Soneam-Stiftung, gegründet von einem Fabrikanten, um kreative Projekte zu fördern. Dessen Witwe hatte zufällig ein Gespräch mit Herrn Leber (Seminar Stuttgart), und sie merkte, dass der Entwicklungsgedanke und das Menschenbild der Waldorfpädagogik ganz im Sinne ihres Mannes sei.
Auf dem Stundenplan stand Allgemeine Menschenkunde, Malen (beides von Dozenten aus dem Stuttgarter Seminar gegeben) und Eurythmie. Es gab einen Kurs mit 30 jungen Lehrern oder Studenten und einen für ca. 20 Erzieherinnen. Da wir der Sprache nicht mächtig waren, machten wir fast ausschließlich Toneurythmie mit ihnen. Unser temperamentvoller Dolmetscher, Herr Hoh, hatte dabei nicht so viel zu übersetzen und sprang eurythmisch ein, wo es nötig war, oder er summte hingebungsvoll die Melodien, die ihm besonders gefielen, mit. Die Eurythmie fand in einer riesigen, eiskalten Turnhalle statt, die nur kurz geheizt werden durfte. Die Klavierspielerin saß in Polarkluft da, neben sich ein kleines Öfchen, denn draußen herrschten bis –20° C. Ein Big-Brother-Auge filmte ständig in jedem Arbeitsraum für Dokumentationszwecke.
Eines Tages brachte uns Herr Hoh sogar Eurythmiestäbe mit; er hatte sie beim Klempner besorgt, der sie von der Rolle abgeschnitten und zurechtgebogen hatte. Sie waren viel zu leicht und zu dünn, aber besser als gar keine.
In der 2. Woche kam eine japanische Kindergärtnerin für die Erziehergruppe. Frau Shimamuva entschuldigte sich bei der ersten Begegnung für die Greueltaten, die die Japaner am koreanischen Volk verübt hatten. Einmal hospitierte sie bei einer Kindergarteneurythmiestunde und danach durfte ich an einer japanischen "Reigenstunde" (mit Übersetzung ins Koreanische) teilnehmen. Die bildhaften Gesten waren nicht so schwer zu deuten. Die Asiaten benutzen das deutsche Wort "Reigen", da sie kein eigenes dafür haben.
An die tiefen Verbeugungen (bis 90°) unserer jungen Leute konnten wir uns kaum gewöhnen, vor allem, wenn sie in dieser ehrfürchtigen Haltung weiterliefen bis sie an uns vorbei waren; und dies, sooft man sich am Tag begegnete mit dem Gruß: "Auyon ha seyo" (Tun Sie Frieden!). Da wir als ihre Lehrer höhergestellt waren, genügte für uns jeweils ein leichtes Kopfneigen.
Alle paar Tage strömten neue Besuchergruppen herein, die ein Fortbildungsprogramm absolvierten: z. B. Manager, die in schwarzen Luxuslimousinen vorfuhren, Versicherungsangestellte, Frauen, die mit dem Finger kopfschüttelnd auf unser Frühstück zeigten. Des Öfteren kamen etwa klassengroße Kindergruppen, die ein spezielles Freizeitangebot genossen. Das war gänzlich unwaldörflich. Auch diese bewegten sich höchst diszipliniert durch den Speisesaal. Wir staunten, wie reibungslos, rasch und dabei ruhevoll alles abgewickelt wurde, auch seitens der Küche. Ein 11-Stunden-Tag ist normal in Korea. Um 5.00 Uhr früh beginnen die Frauen. Sie sitzen im Kreis auf dem Küchenboden und putzen Berge von Gemüse. Schon zum Frühstück gab es Reis mit höllisch scharf gewürztem Gemüse, dazu Suppe, in der manch Ungewöhnliches schwamm, wie ausgekochte klappernde Muschelschalen. Diese scharfen Dinge gab es dreimal täglich (Kein Wunder, dass die Menschen dort solch feurige Augen haben!). Übrigens wurde im BSE-ahnungslosen Korea mancher von uns schlagartig Vegetarier. Nach ein paar Tagen wurden die Deutschen freundlich mitfühlend zum Kinder-Buffet gewunken. Dort gab es Milderes, wie Toastbrot (kalt und labbrig) mit Einheitsmarmelade, aber köstlichen Fruchtsäften des Landes, die sogar von den Jugendlichen dem Cola vorgezogen wurden. Kunstvoll gezauberte Appetit-Häppchen verlockten immer wieder, doch diese enttäuschten unsere ungeschulten Gaumen meist arg. Wer von uns "Langnasen" ohne Magenverstimmung davon kam, konnte sich glücklich schätzen. - Doch eins muss noch erzählt werden: Die stets lächelnde, sich unentwegt verbeugende Küchenvorsteherin (man stelle sich eine solche Küchenfee bei uns vor!) war so sehr um unser Wohlergehen besorgt, dass sie sich eines Tages genau nach der Zubereitung von unseren geliebten Bratkartoffeln erkundigte. Wir waren hell gerührt, und das Resultat war - sehr fremd.
Nach durchgehend 14 Arbeitstagen in ländlicher Klausur belohnte uns Herr Hoh mit 2 Tagen Sightseeing in Seoul (mit 2 Hotelübernachtungen). Wir sahen traditionellen Tanz, virtuos dargeboten zur Musik, die auf alten Instrumenten gespielt wurde. Im Nationalmuseum stellten wir verwundert fest, dass in Korea das Drucken von Schriftzeichen schon im 8. Jh. praktiziert wurde. In der Nachbarschaft eines alten buddhistischen Tempels, voll meditierender Menschen, begann direkt daneben die Moderne mit 60stöckigen Hochhäusern. Unter diesen spazierten wir zum Schluss durch eine riesige unterirdische "Einkaufsstadt" (sonntags hatte alles geöffnet). Die verschiedenen Feinschmeckerlokale zu erwähnen, in denen wir dabei verwöhnt wurden, würde den Rahmen des Berichtes sprengen.
Der Rückflug - bei klarer Sicht - über China, Baikalsee, Wüste Gobi, Sibirien, St. Petersburg, Ostsee und die Südspitze Schwedens nach Frankfurt war ein besonderes Abschiedsgeschenk. Wir flogen gen Westen um die Wette mit der Sonne; und die Sonne gewann: Als wir um 17.00 Uhr landeten, stand sie im Abendrot am Horizont.
Hildtrud und Rudolf Heymann