Liebe 3. Klasse,

als ich so alt war wie ihr jetzt, habe ich direkt neben einer Mühle gelebt, einem großen grauen Gebäude, das über einem Bach, dem Mühlbach, erbaut worden war. Zu meiner Zeit trieben schon Maschinen die Mühle an, früher jedoch drehte sich noch ein Wasserrad, das die Mahlsteine in Bewegung setzte.

An und in dem Mühlbach spielten wir Kinder gern. Wir versuchten das schon recht morsche Mühlrad zu drehen und fragten uns, was dabei wohl im Inneren der Mühle geschah. Gern hätten wir das alles erkundet, aber es war uns wegen der vielen Gefahren strengstens verboten. So lauschten und spähten wir durch die Fensterscheiben und die Holztür ins Dunkel hinein. Ich erinnere mich noch genau an die kühle Luft und den Durchzug, der entstand, wenn man die Tür einen Spaltbreit öffnete. Einmal durften wir aber doch hinein! Die Mühle war wegen einer nötigen Reparatur abgestellt, alle Maschinen standen still und als wir gar nicht aufhörten zu bitten und zu betteln, zeigte uns der Müller den neuen und auch den alten Teil der Mühle.

Unten auf der Höhe des Baches war das Gerinne, von wo aus das Wasser auf das Rad geleitet wurde. Er zeigte uns große und kleine Holz- und Eisenräder und wie sie ineinander greifen konnten. Ein Rad gab sein Drehen immer an das nächste weiter. Ganz schön kompliziert war das und den Müller bewunderte ich seit dieser Zeit sehr, dachte ich doch, er habe das alles selber erfunden und gebaut! "Und wo wird das Korn gemahlen?", fragten wir. Um das zu sehen stiegen wir über eine Leiter nach oben auf den Steinboden, wo in einer großen, runden Holzverkleidung - der Bütte - die zwei Mahlsteine ruhten. Sie waren mit dem Räderwerk unten durch eine dicke Eisenstange verbunden; gedreht wurde aber nur der obere Mahlstein, der Läufer. Gelangten nun die Körner durch einen Holztrichter in das Steinauge, kamen sie zwischen die beiden Mahlsteine und wurden zerrieben. An die 120, 130 Mal dreht sich der Läufer dazu in einer Minute; das ist wirklich ein fleißiger Geselle! Durch die Furchen wurde dann das Mehl an den Rand der Steine und von da in einen Beutel geleitet.

Zum Schluss wischte der Müller ein ganz verstaubtes Brettchen sauber, das über der Tür angebracht war, da stand zu lesen:

Es dreht sich die Erde, es dreht sich das Rad,
Der Müller, er mahlet von frühe bis spat.

In der 3. Klasse werdet ihr noch viele verschiedene Berufe und Gerätschaften kennen lernen und auch vieles selbst arbeiten. Darauf dürft ihr euch freuen.

Irene Klenk