im Lande Phönizien, am Ostufer des Mittelmeeres in Asien, lebte einst der König Agenor. Er hatte eine Tochter von großer Schönheit Namens Europa. Eines Tages ging das Mädchen mit seinen Gespielinnen ans Ufer des Meeres, um dort auf frischen Wiesen duftende Blumen zu pflücken und sich am Spiel der klaren Wellen zu erfreuen, die mit sanftem Plätschern ans Ufer rollten. Bald hatten die Mädchen Sträuße von Rosen, Narzissen und Veilchen gesammelt, da begaben sie sich auf einen nahe gelegenen Hügel zum Kränzebinden. Plötzlich wurden sie durch eine völlig unerwartete Erscheinung aus ihrem Geplauder aufgeschreckt. Ein Stier - es schien, als habe er sich von seiner weidenden Herde entfernt, kam über die Blumenwiese auf die Jungfrauen zugeschritten. Ein wunderschönes Tier von schneeweißer Farbe! Die Hörner waren durchsichtig wie klare Juwelen und krümmten sich ganz gleichmäßig auf der breit gewölbten Stirn. Seine ganze Haltung war so sanft und friedlich, seine Augen so gutmütig, so dass den Mädchen die Furcht schwand. Ganz allmählich traten sie näher an ihn heran, streckten zögerlich ihre Finger nach ihm aus, schließlich streichelten sie ihn und zu guter Letzt tanzten sie ausgelassen um ihn herum.
Europa legte ihm einen Blumenkranz um die Hörner und das schien dem Stier zu gefallen. Mit schmeichelndem Brüllen legte er sich vor den Mädchen nieder und bot seinen mächtigen Nacken dar, als wolle er sie einladen, auf ihm zu reiten. Lachend bestieg Europa das Tier und lud ihre Gespielinnen ein es ihr gleichzutun. Aber ehe sie dem Ruf der schönen Königstochter folgen konnten, sprang der Stier auf und trabte mit der jungen Reiterin davon.
Er hatte sein Ziel erreicht. Denn es handelte sich nicht um ein gewöhnliches Rind, wie es in Ställen oder auf Weiden anzutreffen ist, sondern es war niemand geringeres als Zeus, der sich verwandelt hatte, um die schöne Europa zu entführen und zu seiner Gemahlin zu machen. Immer rascher eilte er mit der Entführten über die Wiesen dahin. Jetzt bekam Europa es mit der Angst zu tun. Um Hilfe rufend blickte sie sich zu ihren Freundinnen um. Dabei hielt sie die Hörner des Stieres fest umklammert, fürchtete sie doch, ein Sturz vom Rücken könne sie das Leben kosten. Der göttliche Stier raste auf das Ufer zu. Am Wasser wird er wohl halten, dachte Europa. Aber nein, mit einem Satz sprang der Stier in die Fluten und schwamm unaufhaltsam wie ein Segelschiff aufs offene Meer hinaus. Das Ufer entschwand aus dem Blick der Geraubten, an eine Rückkehr ins Heimatland war nicht mehr zu denken.
Europa fürchtete zu ertrinken oder viel schlimmer noch, in einem fremden Land ihr Dasein als Sklavin fristen zu müssen. Auf den ruhigen Weiten der Meeres gab Zeus sich zu erkennen und tröstete sie. "Du wirst als Frau eines Götterkönigs einen fremden Weltteil betreten. Deine Nachfahren werden Könige und ruhmreiche Männer sein."
Bald erreichten sie den südlichsten Teil Griechenlands und gingen auf der Insel Kreta an Land. Und dieser fremde Weltteil, der die schöne Königstochter aufgenommen hat, heißt heute noch nach ihr - 'Europa'.
So soll also der Sage nach dieser Kontinent zu seinem Namen gekommen sein. Mit der Vielzahl der heute hier lebenden Menschen und der Verschiedenartigkeit der Landschaften Europas werden wir uns im 6. Schuljahr beschäftigen.
Viel Freude dabei wünscht euch eure
Christiane Kabierschke