wenn die großen Überseedampfer, vom Atlantik kommend, den Hamburger Hafen erreichen wollen, müssen sie zuvor die tückische Nordsee mit ihren gefährlichen Untiefen durchqueren. Um nicht bei Nebel oder stürmischer See in der Deutschen Bucht von der vorgesehenen Route abzukommen, nehmen sie rechtzeitig einen besonders kundigen Lotsen an Bord. Dieser Lotse führt das Schiff auch bei schlechter Sicht oder Unwetter sicher in die Elbmündung und geht dann wieder von Bord.
Auch die Völker Europas und der Welt brauchten in der Vergangenheit stets eine Art Lotsen an ihrer Spitze, der als mächtiger Führer das Staatsschiff lenkte. So auch die Deutschen. Das Deutsche Reich war Anfang des 19. Jahrhunderts nach etwa 800-jährigem Bestand zerfallen. 1871 gelang es dem Preußen Otto von Bismarck, den nur mehr losen Verbund deutscher Einzelstaaten zu einem 2. Deutschen Reich zusammenzuschließen. Der Kapitän dieses Schiffes war der bisherige König von Preußen, jetzt Kaiser Wilhelm I. -
Doch als "Lotse" hatte der Reichskanzler Bismarck die Hand fest am Ruder. In großer Einigkeit führte dieses Gespann das junge Reich; und wenn es auch aus heutiger Sicht an der Politik Bismarcks manches zu kritisieren gibt, so wurde er zu seiner Zeit und noch lange danach vom deutschen Volk als kluger und umsichtiger Politiker, eben als sicherer "Lotse" hoch geachtet.
Als 1888 der alte Kaiser starb, folgte ihm Wilhelm II. auf den Thron. Doch schon bald zeigten sich deutliche Differenzen zwischen dem alten Reichskanzler und seinem jungen Kaiser. Wilhelm II. verfolgte andere Ziele und wollte vor allem die Macht im Staate viel stärker an seine eigene Person binden. So zwang er Bismarck im Jahre 1890 zum Rücktritt. - Eine Zeitungskarikatur aus dieser Zeit trägt den Titel: "Der Lotse geht von Bord". Sie zeigt, wie der 75-jährige Bismarck die Treppe an der hohen Bordwand eines Schiffes hinuntersteigt, um in das unten wartende Boot zu gelangen; oben an der Reling des Decks lehnt der junge Kaiser und schaut zu.
Von diesem Augenblick an trieb das deutsche Staatsschiff zunächst langsam und dann immer schneller auf einen verheerenden Krieg zu. Hatten Bismarck und Wilhelm I. es noch verstanden, durch eine ausgeklügelte Bündnispolitik die Großmächte Europas in einem Gleichgewicht zu halten, so setzte Wilhelm II. auf deutsche Stärke und baute seine Seeschlachtflotten aus. Ein solches Gebaren musste die Nachbarstaaten beunruhigen und trieb sie zu Bündnissen gegen Deutschland.
Im 20. Jahrhundert geriet Europa dann furchtbar in Brand, wie wir wissen. Das 2. Deutsche Reich ging unter, ein Drittes entstand und verging. In einer Zeit, wo die Völker lernen sollten, sich selbst zu regieren, setzten sie weiterhin starke Führer an ihre Spitze. Krieg und Verderben zwangen Europa schließlich auf einen neuen Kurs: Heute lernen die Menschen allmählich in den demokratischen Gesellschaften moderner Staaten, sich ein eigenes politisches Urteil zu bilden und ihre Geschicke auf eine breitere Basis zu stellen.
Darüber wollen wir am Schluss des 8. Schuljahres sprechen, wenn wir in Geschichte unseren großen Überblick, unsere lange Reise durch die Vergangenheit vollenden und die Gegenwart erreichen.
Michael Angermann