Liebe 10. Klasse,

viele von Ihnen haben bestimmt schon einmal das Gefühl gehabt, zu spät dran zu sein. Oder anders ausgedrückt, einfach noch zu jung zu sein, um Ziele zu verwirklichen, die einen aber brennend interessieren. Diese Ziele können auf ganz verschiedenen Ebenen liegen: so. z. B. der Mofa-Führerschein oder der Auto-Führerschein, vielleicht aber auch die erste gemeinsame Urlaubsreise mit Freunden - ohne die Eltern.

Mir ging es in ihrem Alter sehr intensiv so. Meine Klassenkameraden und ich erlebten uns als die ewig verspätete Generation. Die sog. ‚"68er-Generation" hatte das bundesrepublikanische Gesellschaftssystem gehörig durcheinander gebracht und an lang tradierten Normen und Werten gerüttelt. Was sollten wir aber nun tun, um etwas zu finden, für das es sich einzusetzen lohnte.

Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ein Mitschüler eines Tages ein Referat über Ernesto Guevara - besser bekannt als "Che" - hielt. Diese Biografie elektrisierte uns geradezu. Nicht nur, dass viele von uns bald ein T-Shirt mit dessen Bild und dem Schriftzug "Hasta la victoria siempre" trugen. Sein Leben und sein bedingungsloser Einsatz in Guatemala, Kuba und Bolivien, sein Streben, den ungerecht und ungleich verteilten Reichtum der Menschen nicht als gottgegeben anzuerkennen, faszinierte uns so, dass wir zum ersten Mal über Wege nachdachten, wie es zu einer gerechteren Welt kommen könne. Che´s Streben, den reichen Minderheiten die Macht zu entreißen und sie den vielen Armen zu übertragen, erlebten wir als die Aufgabe einer echten Revolution. Auch wenn wir uns dann doch nicht alle zu Revolutionären entwickelt haben, haben wir uns in dieser Phase unseres "Erwachsenwerdens" mit Dingen beschäftigt, die einen sensibel werden ließen gegen Willkür und Unterdrückung. "Che´s" heimtückische Ermordung 1967 in Bolivien werteten wir daher auch nicht als Sieg der Mächtigen über die Unterdrückten, sondern sahen darin vielmehr das, was wenige Menschen erreichen können, wenn sie sich bedingungslos für ein Ziel, ein Ideal, oder anders gesagt, eine bessere Welt einsetzen.

Auch wenn ich heute immer mal wieder diese "Che-T-Shirts" bei Schülern sehe, habe ich aber doch das Gefühl, dass er und sein Anliegen etwas in Vergessenheit geraten sind. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sich vor ca. zwei Wochen rund 800 vorwiegend sehr junge Menschen hier in Marburg versammelt hatten, um gemeinsam über eine bessere und gerechtere Welt nachzudenken.

Unter dem Namen "Attac" trafen sich Globalisierungskritiker um im ökologischen Bereich über die weltweite Verknappung der natürlichen Lebensgrundlagen und Umweltverschmutzung zu diskutieren. Aber auch die technischen Gesichtspunkte der beschleunigten Entwicklung von neuen Transport- und Kommunikationsmitteln sowie die kulturelle Globalisierung waren wichtige Diskussionspunkte.

Faszinierend ist dabei, dass aus einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich 1997 zuerst in Frankreich zusammengefunden haben, inzwischen eine globale Bewegung geworden ist, die es nicht weiter hinnehmen will, dass die Zahl der Menschen die weltweit in extremer Armut leben, nach wie vor immer weiter steigt, die es nicht weiter hinnehmen wollen, dass alle 7 Sekunden irgendwo in der Welt ein Kind unter 10 Jahren an den Folgen von Unterernährung stirbt.

Ähnlich wie Che Guevara gehen die Globalisierungskritiker davon aus, dass der Reichtum der entwickelten Welt auf der Unterdrückung und Ausbeutung der anderen Welt basiert, wobei diese fortschreitende Globalisierung aber nicht nur wirtschaftliche Ausbeutung, sondern auch kulturelle Vernichtung und militärische Unterdrückung nach sich zieht. Der Lösungsweg, um diese neue, bessere Welt zu schaffen, wurde von Che Guevara in der bewaffneten Revolution gesehen. Die Globalisierungskritiker haben sich aber einem anderen Weg verschrieben, ihn könnte man als kämpferisch aber friedfertig bezeichnen.

Ihnen, liebe 10. Klasse, wünsche ich etwas von dieser Entschlossenheit und Ausdauer ein selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Lassen sie sich nicht abschrecken von dem Gedanken: "Was kann ich allein schon ausrichten?", suchen sie nach ihrem Weg, dieser Welt ein menschliches Antlitz zu geben. Ganz nebenbei sollten sie natürlich auch die Schule nicht ganz vernachlässigen, weil man auch in diesem Bereich vor ganz neuen Möglichkeiten steht, sich selbst und sein Leistungsvermögen weiter zu entwickeln.

Martin Jennemann