Liebe 11. Klasse,

zu Beginn der diesjährigen Sommerferien feierte ein Mann seinen 90. Geburtstag, der unbestritten zu den bedeutendsten Wissenschaftlern gehört, die Deutschland im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Rede ist von dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Heute ist es recht ruhig um ihn geworden, obwohl er körperlich und geistig immer noch sehr gut beieinander ist mit seinen 90 Lebensjahren. Seine Hochphase der Bekanntheit hatte er in den 70er und 80er Jahren, als es kaum ein gesellschaftliches Problem gab, zu dem man ihn nicht um Rat fragte und ihn die SPD sogar zum Kandidaten zur Wahl zum Bundespräsidenten machen wollte. Kaum ein anderer Wissenschaftler dieser Jahre verkörperte so wie er eine sonst verlorene Wissensuniversalität und Weisheit.

Welche Fähigkeiten machten von Weizsäcker zu solch einer allgemein respektierten und anerkannten Autorität? Vor allem natürlich seine außergewöhnlich große Gelehrsamkeit, aber die besaßen auch andere Gelehrte seiner Generation. Sie allein ließ ihn nicht aus der Masse der Professorenkollegen herausragen. Für mich sind es vor allem zwei Fähigkeiten, die dies bewirkten: zum einen sein lebenslanges Bemühen aus Fehlern zu lernen und Konsequenzen zu ziehen und zum anderen sein ausgeprägter Sinn für große Zusammenhänge, d. h. die Fähigkeit sich vom Spezialistentum zu lösen und unsere Lebensbedingungen immer wieder aus der Vogelperspektive zu betrachten und zu analysieren.

In seinen jungen Jahren als Wissenschaftler, als Physiker, war Carl Friedrich von Weizsäcker nur mit Glück einer großen Schuld entronnen. In den Jahren 1929-1936 war er Schüler und Assistent von Werner Heisenberg und damit Mitglied des Kreises von Wissenschaftlern in Deutschland, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten. Naiverweise glaubten diese Wissenschaftler, als eine Art ""Atomelite" auch Hitler politisch beeinflussen zu können und suchten die Unterstützung der Nazis für ihr Forschungsprojekt. Glücklicherweise erkannte Hitler nicht die Bedeutung ihrer Forschungen und verweigerte die Unterstützung. Damit war das Forschungsprojekt gescheitert und der Mitarbeiterkreis löste sich auf. Einige dieser Wissenschaftler gingen nach Amerika - mit dem uns allen bekannten Ergebnis. Nicht so von Weizsäcker: er blieb in Deutschland und wurde nach dem Krieg bis zum heutigen Tag ein eingeschworener Atomwaffengegner, der seine naive Mitarbeit an der Entwicklung der ersten Atomwaffe während der Nazizeit nie verleugnete, doch daher umso vehementer gegen jegliche Entwicklung von Atomwaffen kämpfte und unermüdlich vor den Folgen eines Atomkrieges warnte. Carl Friedrich von Weizsäckers zweite große Fähigkeit zur Distanz und zum Überblick führte immer wieder dazu, dass er Probleme der Menschheit erkannte und beschrieb, lange bevor sie von seinen Kollegen oder gar den Politikern erkannt worden wären. So hielt er schon 1978 eine Rede nach den furchtbaren Ereignissen der Schleyer-Entführung, der Flugzeugentführung von Mogadischu und dem Selbstmord der RAF-Führung, die sich mit dem Thema Terrorismus und moderne Technik befasste, in der er die Vorgehensweise einer Terrororganisation wie Al Quaida präzise beschreibt - 23 Jahre vor dem Anschlag auf das World Trade Center in New York.

Und noch einige Jahre vorher veröffentlichte er einen Aufsatz mit dem Titel "Die heutige Menschheit, von außen betrachtet", in dem er alle weltwirtschaftlichen und ökologischen Abhängigkeiten, die wir heute unter dem Begriff Globalisierung diskutieren aufzeigt, und dringend dazu aufruft, sich frühzeitig um Problemlösungen zu bemühen.

Als Mensch war und ist Carl Friedrich von Weizsäcker immer bescheiden und zurückhaltend geblieben. Obwohl er sooft recht behielt mit seinen Prognosen trumpfte er nie besserwisserisch auf. Bisweilen konnte er mit seinem höflichen und bescheidenen Auftreten auch seine Kollegen nerven, wenn er wieder einmal vorsichtig einen Diskussionsbeitrag mit seiner Lieblingsformel begann: "Ich würde sagen". Einmal provozierte dies einen entnervten Kollegen zu dem Ausbruch: "Dann sagen sie es doch einfach, Herr von Weizsäcker!". Doch die Vorsicht und Zurückhaltung von Weizsäckers war und ist nicht nur eine Geste der Höflichkeit, sondern vor allem Ausdruck einer zutiefst christlich geprägten Demut und Toleranz. Vielleicht ist es vor allem diese seine dritte Fähigkeit, die ihn heraushebt aus der Masse der Gelehrten, dass er als einer der wenigen Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts die geistige und religiöse Erfahrung ebenso gesucht hat wie die naturwissenschaftliche und versucht hat die soviel Unheil bringende Trennung dieser beiden Erfahrungen zu überwinden.

Liebe Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse, ich wünsche Ihnen und den Kollegen die Sie unterrichten ein wenig von den Fähigkeiten zum Überblick und zur Selbstkritik Carl Friedrich von Weizsäckers und hoffe, dass Sie in den verschiedenen Epochen, aber vor allem auch im Sozialpraktikum am Ende des Schuljahres Erfahrungen machen können, die es Ihnen ermöglichen, noch einmal einen neuen Über-Blick auf Ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten zu gewinnen.

Manfred Wittig