Begabtenförderung an unserer Schule

Die Waldorfschulbewegung versteht sich als Gesamtschul-Bewegung, d. h., es wird bewusst eine Trennung der Schüler nach kognitiven Leistungen vermieden, wie sie z. B. durch ein mehrgliedriges Schulsystem (Haupt- und Realschule, Gymnasium) und das Sitzenbleiben in anderen Schulen betont und intensiv betrieben wird. Das hat zur Folge, dass bis in unsere 12. Klasse hinein das Spektrum an Begabungen im kognitiven Bereich außerordentlich (man könnte auch sagen: ungewöhnlich) breit ist.

Die eine Seite der positiven Auswirkungen unserer Vorgehensweise, die langjährige nachhaltige Förderung der sog. intellektuell schwächer begabten Schülerinnen und Schüler, wird allgemein anerkannt. Sie erreichen Leistungen, die sie sonst vermutlich nicht ohne weiteres geschafft hätten. Auch der soziale Aspekt der Festhaltens am Klassenverband bis zum Abitur, der u. a. das gründliche Erüben vieler heute so dringend benötigter sozialer Fähigkeiten mit sich bringt, wird positiv beurteilt. Viel weniger bekannt aber ist, dass in einem solchen Klassenverband, durch entsprechende pädagogische Maßnahmen wie Binnendifferenzierung unterstützt, gerade auch die sog. sehr guten Schülerinnen und Schüler nicht nur zu ihrem Recht kommen, sondern sogar in besonderer Weise gefördert werden können. Manche Außenstehenden meinen sogar in naiver Weise, solche Schülerinnen und Schüler könnte es auf einer Freien Waldorfschule gar nicht geben.

Es beruht dies auf der irrtümlichen Meinung, dass man einer Lerngruppe am besten gerecht werden kann, wenn sie relativ leistungshomogen ist. Daran wird z. T. auch noch festgehalten, wenn PISA-Ergebnisse aus Schweden und Finnland Gegenteiliges berichten. Es ist aber die Vorstellung, dass eine leistungsheterogene Lerngruppe sogar interessanter, vielseitiger, lebendiger und auch fruchtbarer zu unterrichten sein kann, zumeist nur ungewohnt und fremd, und sie wird abgelehnt, bevor man als Lehrer/in damit ausreichend eigene Erfahrungen gesammelt hat.

In unserer Schule haben wir in jedem Jahrgang Abiturienten, die ihre Schulzeit mit erstklassigen Leistungen abschließen. Aber nicht nur das - jedes Jahr gibt es mehrere, die neben einem "Einser-Abitur" auch noch folgenden Ansprüchen gerecht werden: hohe Leistungsfähigkeit und nachgewiesene Leistungsbereitschaft; Originalität, eigenständige Interessen und Initiativen; Bewusstsein sozialer Verantwortung; Weltoffenheit und Sinn für historische Zusammenhänge; musisch-ästhetische Ansprechbarkeit; soziale und physisch-geistige Belastbarkeit.

Solche Schülerinnen und Schüler sind Kandidaten, die für eine Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes vorgeschlagen werden können - denn das sind deren Kriterien -, wenn sie darüber hinaus noch "mit der hervorragenden Bewältigung des Schulstoffes nicht ihre Leistungsgrenze erreicht haben, sondern mindestens im vorwissenschaftlichen, im musischen, im sportlichen oder in einem anderen Bereich, inner- oder außerschulisch, zusätzliche Aktivitäten und besondere Erfolge aufweisen."

Aus der Gruppe der Abiturienten, die all dies erfüllen, dürfen wir jedes Jahr eine(n) als Kandidat(in) für die Studienstiftung vorschlagen - eine Chance, die wir seit vielen Jahren regelmäßig nutzen. Die Vorgeschlagenen werden dann auf Bundesebene zu sehr anspruchsvollen Auswahlseminaren eingeladen, in denen sie sich bewähren müssen. Je nach Anzahl der Kandidaten eines Jahrganges schwankt der Anteil der schließlich Aufgenommenen; im Jahre 2000 waren es ca. 25 %.

Wir sind daher stolz darauf, nicht nur geeignete Abiturienten vorschlagen zu können, sondern auch regelmäßig Rückmeldung von der Studienstiftung zu bekommen, dass wieder jemand in den Auswahlseminaren erfolgreich war. Aus unserer Abiturientia 2000 war dies Franz Engel, aus 2001 Mascha Hohnstedt. Das Verfahren für unseren Kandidaten aus 2002 läuft noch. -

Eine ganz andere Form der Begabtenförderung ist die Teilnahme an einem Kurs der Deutschen Schüler-Akademie. Hierzu dürfen wir jedes Jahr eine Schülerin oder einen Schüler aus unserer 12. Klasse vorschlagen. Vorgeschlagen werden können diejenigen, "die eine weit überdurchschnittliche intellektuelle Befähigung sowie eine ausgeprägte Leistungsmotivation und Anstrengungsbereitschaft bereits gezeigt und unter Beweis gestellt haben." Auch hier haben wir alljährlich mehrere bestens geeignete Kandidaten, und wir nutzen unser Vorschlagsrecht deshalb auch regelmäßig.

Die endgültigen Teilnehmer werden aus den bundesweit Vorgeschlagenen nach einem Quotensystem ausgewählt, besonders nach einer Länder- und einer Geschlechts-Quote, und zwar für jeden einzelnen Kurs. Jede(r) Vorgeschlagene darf sich einen Kurs aussuchen. Die Kurse dauern ca. drei Wochen und finden an verschiedenen Orten (auch im Ausland) im Sommer statt. Im Jahre 2001 gab es z. B. 46 verschiedene Kurse mit einer Vielzahl von fachübergreifenden und zugleich speziellen, hochinteressanten Themen wie z. B.: Neurologie des Lernens und Erinnerns; Hardware des Mobilfunks; Roma Aeterna; Künstlerische Selbstverwirklichung; Quantenwelten; Wie Gebirge entstehen; Musiktheater-Werkstatt; Philosophie der Ästhetik; Szenisches Schreiben etc. etc. Das Programm wechselt jährlich.

Eine Kursgruppe umfasst ca. 20 bunt zusammengewürfelte Personen und ca. 2 hoch qualifizierte Lehrkräfte. Die Gruppe verbringt die Wochen sowohl mit der intensiven Arbeit am Thema als auch in der Freizeit zusammen, was an alle hohe Anforderungen stellt. So ist es für uns eine große Freude, dass wiederholt Schülerinnen und Schüler von uns erfolgreich teilnehmen konnten und anschließend begeistert berichteten. Im Jahre 2001 war dies Gunda Möller, im Jahre 2002 Lukas Lambert.

Es soll damit nicht gesagt werden, dass die Genannten nun etwas ganz Außergewöhnliches in ihrer Klassengemeinschaft darstellen. Jede(r) unserer Schülerinnen und Schüler liegt uns am Herzen, und wir freuen uns mit jeder und jedem und sind mit ihnen stolz auf alles, was sie können, leisten und erreichen. Zumeist fällt es aber leichter, Erfolge beim Namen zu nennen, die mit begrenzteren Möglichkeiten doch erzielt wurden. Bei Spitzenleistungen dagegen besteht bei uns m. E. eher die Neigung, nur leise und vielleicht sogar verschämt auf sie hinzuweisen, um ja nicht hochmütig zu wirken. Aber gerade auch auf diesem zweiten Feld leisten einige unserer Schülerinnen und Schüler Außergewöhnliches. Es ist mir ein Anliegen, dass das Wissen darum auch einmal über den engeren Kreis der direkt Beteiligten hinausgelangt.

Dirk Rohde