Chemielehrertagung in Marburg

Wie bereits in den vergangenen drei Jahren fand auch die diesjährige Chemielehrertagung der Freien Waldorfschulen in Marburg statt, am 20. und 21. September 2002. Sie war mit über 40 Kolleginnen und Kollegen gut besucht.

Zum Auftakt berichtete Herr Rohde (FWS Marburg) von seinen Experimenten mit Blei-Steigbildern bei Mond-Saturn-Konjunktionen. Es handelt sich hierbei um Versuche, die auf Lili Kolisko zurück gehen. Lili Kolisko war eine derjenigen Persönlichkeiten im Kreis der Naturwissenschaftler um Rudolf Steiner, die seine Forderung, eine anthroposophische Naturwissenschaft zur Erforschung von Lebensvorgängen unter kreativer Schaffung neuer Phänomene aufzubauen, in umfassender Weise erfüllte. Sie beschritt ganz neue Wege und konnte, indem sie Hinweisen Steiners selbstständig nachging, Kräftewirkungen nachweisen, die vorher unbekannt waren. Es ist nicht leicht, ihre Versuche erfolgreich zu reproduzieren, da sie offenbar nicht immer alle dazu notwendigen Bedingungen angegeben hat. Rohde zeigte zum o. g. Beispiel an gelungenen Steigbildern, was alles zu berücksichtigen ist, wenn man eine Aussage über die Gültigkeit einer Arbeit von Lili Kolisko machen will und wie man (in diesem Fall) zu ähnlichen Resultaten gelangen kann wie sie.

Anschließend eröffnete Herr Rozumek vom Forschungsinstitut am Goetheanum den Reigen mehrerer Beiträge zum Stickstoff. Er arbeitete heraus, wie sich die Auffassung vom Stickstoff im Laufe der Geschichte verändert hat und diskutierte daran kontrovers die Stoffdefinition und den Elementarbegriff "Stickstoff".

Anhand eines Demonstrationsexperimentes zum Verbrennen und Verschwelen von Holz ging dann Herr Ellendt (FWS Kaltenkirchen) in allgemeiner Form auf den Stoffbegriff ein. Er hinterfragte die Polaritäten Verbrennen/Verschwelen und weißes Trockeneis/schwarze Holzkohle, um dann das Gezeigte im umfassender Weise einzugliedern in die großen Zusammenhänge einer präzisen Menschenkunde (Innenwelt) und einer groß angelegten Kosmologie.

Am Freitagabend führte Herr von Mackensen (Seminar Kassel) mehrere zentrale Experimente zum Themenbereich Metalle/Redox-Prozesse/Elektrolyse vor, die ausgesprochen anschauliche Resultate erbrachten. Die Erörterung der erlebten chemischen Prozesse erfolgte erst am nächsten Morgen - ein Novum, das als so fruchtbar erlebt wurde, dass diese Form im nächsten Jahr beibehalten werden soll. Dabei konnte eine Reihe von Aspekten besprochen werden, ohne dass es jedoch gelang, bis zu den Kernfragen der Elektrolyse wirklich vorzustoßen, wobei Inhalte des 14. Vortrages des Wärmekurses (GA 321) bereits berührt wurden. Es wurde deshalb beschlossen, das Thema Elektrolyse mit Herrn von Mackensen auf unserer Tagung in 2003 fortzusetzen.

Danach kamen wir wieder auf den Stickstoff zurück. Prof. Kölk (TH Aachen) entfaltete ein eindrückliches experimentelles Bild von der Vielfalt der Stickstoff-Sauerstoff-Verbindungen. Herr Schröder (FWS Freiburg-St. Georgen) knüpfte daran an, gab in einem vielseitigen Vortrag einen breiten Eindruck von den charakteristischen Facetten der Chemie des Stickstoffs und zeigte Wege auf, diese im Denken als Einheit zu erfassen. Abschließend entwickelte Herr Kranich (INSTITUTION?) diesen Ansatz weiter, indem er zunächst auf Methodik-Fragen im naturwissenschaftlichen Unterricht der Freien Waldorfschulen einging und von dort aus demonstrierte, wie ein Stoff als Resultante des Zusammenwirkens verschiedener Kräfte zu verstehen ist, dessen einzelne Erscheinungen also aus dem den ganzen Stoff umfassenden Zusammenhang sich ergeben. Dies wurde auch am Beispiel der Elemente Natrium, Calcium und Aluminium näher erläutert.

Kritisiert wurde, dass insgesamt relativ wenig Zeit für Aussprachen blieb. Wir haben uns deshalb entschlossen, beim nächsten Treffen eine längere Zeit für einen intensiven Austausch über Unterrichtserfahrungen vorzusehen, wobei auch einzelne erlebte Unterrichtssequenzen von Kollegen einleitend kurz geschildert werden, um eine fundierte Diskussionsgrundlage zu schaffen. Das "chorische" Element soll zugunsten des "solistischen" stärker betont werden.

Die Tagung wird erneut in Marburg stattfinden, am Freitag/Samstag dem 20./21. September 2003. Ich möchte hiermit schon jetzt die Kolleginnen und Kollegen sowie die mit der Chemie in der Oberstufe sich auseinandersetzenden Fachleute (auch die angehenden) herzlich einladen!

Dirk Rohde