Eltern, Lehrer und Schüler der Freien Waldorfschule Marburg beschäftigen sich mit den Rassismusvorwürfen gegen die Waldorfschulen

Nach der Report-Sendung im Februar 2000, die die Vorwürfe gegen die Waldorfschulen im Fernsehen darstellte, bildete sich im Elternbeirat ein Arbeitskreis aus Eltern und Lehrern. Nach Diskussion einzelner Vorwürfe, wurden die verschiedenen Stellungnahmen zu einer Ausstellung für den Elternbeirat und die Oberstufenschüler zusammengetragen. Ende 2001 wurde das Thema durch die Ankündigung einer studentischen Gruppe, eine Veranstaltung mit Peter Bierl durchzuführen, erneut aktuell. Im Vorfeld trafen sich Eltern, Lehrer und nun auch Schüler der Oberstufe, die selber in dieser Frage in Argumentationsschwierigkeiten gerieten. Die Schüler wurden in der Öffentlichkeit mehrmals mit den Rassismusvorwürfen gegen die Waldorfpädagogik konfrontiert. Eltern und Lehrer wollten den Schülern bei der Argumentation helfen und begleiteten sie zu der Veranstaltung. Nach dem Vortrag von Herrn Bierl, ergriffen einige Anwesende das Wort und hielten die aktuelle Praxis der Marburger Waldorfschule seinen Verleumdungen entgegen. Im Anschluss verstärkte der Arbeitskreis seine Gespräche und das Textstudium von Schriften und Vorträgen von Rudolf Steiner. Der Arbeitskreis hat schließlich mit der Schülervertretung Herrn Ravagli als kompetenten Referenten zum Vortrag eingeladen.

Die Veranstaltung wurde öffentlich angekündigt und es folgten 70 Anwesende den interessanten Ausführungen zur "Überwindung des Rassismus durch die Anthroposophie". Herr Ravagli definierte die wesentlichen Kriterien für den Rassismus und stellte dem den Ansatz der Anthroposophie entgegen. Sie verfolge gerade den Grundsatz, für eine brüderliche Gesellschaft ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts einzutreten. Eine genauere Prüfung des Steiner-Werkes ergebe, dass die Anthroposophie einen radikalen Gegenentwurf zum Rassismus darstelle und in ihrem Menschenbild und Geschichtsverständnis das Potential liege, die Reduktion des Menschen auf seine Rasseneigenschaften zu sprengen.

Am folgenden Tag organisierten die Schüler eine Oberstufentagung. Hier sprach nochmals Herr Ravagli vor 150 Schülern. In einer anschließenden Arbeitsgruppe stellte er sich den Fragen der interessierten Schüler. Dabei wies er auf die historische Situation und die allgemeinen diskriminierenden Tendenzen gegen Schwarze in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hin. Rudolf Steiners Äußerungen sind als Erwiderung auf diese Vorurteile zu verstehen, die gerade über die Diskriminierung hinausführen sollten. Bei der Bewertung der sogenannten Arbeiter-Vorträge sollte berücksichtigt werden, dass Rudolf Steiner versuchte sich mit einfachen Worten den Bauarbeitern des Goetheanums verständlich zu machen und lediglich eine (von ihm nicht autorisierte) Mitschrift erfolgte.

Auf der Schülertagung wurden darüber hinaus weitere Arbeitsgruppen von der örtlichen Attac-Gruppe und von Dr. Nebelung ("War R. Steiner ein Anarchist?") angeboten.

Peter Reckling