Bemerkungen zur Bedeutung des Rhythmus für die kindliche Entwicklung aus ärztlicher Sicht

Die medizinische Wissenschaft geht heute davon aus, dass alle Lebensprozesse rhythmisch ablaufen und dass diese sich kaum verändern. So hat man die rhythmischen Grundmuster auch bei Menschen, die Schicht- und Nachtarbeiten verrichten sowie nach Schlafentzug immer wieder feststellen können. Insgesamt sind für tagesrhythmische Verläufe mehr als 100 verschiedene Messgrößen für Organe und Funktionen bekannt.

Prof. Hildebrandt, ehemaliger Leiter des Instituts für Arbeitsphysiologie und Rehabilitationsforschung an der Philipps-Universität in Marburg, hat in einer Übersicht die wichtigsten rhythmischen Funktionen beim Menschen darstellen können.

Er ordnet dem Schlaf-Wach-Rhythmus Leistung und Erholung zu, dem Wochenrhythmus Regeneration und Heilung, dem Monatsrhythmus Reproduktion.

Jedem wird sofort einleuchten, dass ein Außer-Acht-Lassen des Schlaf-Wach-Rhythmuses über kurz oder lang gesundheitliche Störungen nach sich ziehen wird.

Weniger deutlich erlebbar ist dem heutigen Menschen der Wochenrhythmus - diesem wird Regeneration und Heilung zugeordnet. Im medizinischen Bereich deckt sich diese Zuordnung z. B. mit körperlichen Heilungsverläufen (primäre Wundheilung, Infekte usw.) Doch wie heilen seelische Verletzungen, was ist mit der Regeneration, wenn dieser Rhythmus nicht eingehalten wird?

Der Monatsrhythmus als Rhythmus für Reproduktionsvorgänge ist wieder direkter einsehbar (weiblicher Zyklus). Im pädagogischen Alltag der Waldorfschule ist er im Epochenunterricht anzutreffen - eine Epoche sollte idealtypisch 4 Wochen dauern.

Am gründlichsten untersucht ist der Tagesrhythmus. So wissen wir heute, dass die Leistungsbereitschaft gegen 08:00 Uhr einen ersten Höhepunkt hat, dann kontinuierlich abfällt mit einem absoluten Tief zwischen 13:00 Uhr und 15:00 Uhr, um noch einmal anzusteigen bis etwa 19:00 Uhr.

Für die Stundenplangestaltung müssen diese Schwankungen in der Leistungsbereitschaft beachtet werden, um die Kräfte der Kinder zu schonen und so auf lange Sicht das Lernverhalten zu verbessern.

Es wurden Rechentests bei Kindern durchgeführt, in denen man alle 2 Stunden (von 07:00 Uhr bis 21:00 Uhr) Tests schreiben ließ. Bis 11:00 Uhr kam es zu einem Anstieg der Rechengeschwindigkeit, ein absoluter Tiefpunkt zeigte sich gegen 14:00 Uhr. Nach einem nochmaligen Anstieg bis 17:00 Uhr, fiel die Rechengeschwindigkeit gegen 19:00 Uhr wieder deutlich ab.

Wird die physiologische Leistungsbereitschaft bei der Unterrichtsgestaltung berücksichtigt, so wirkt sich dies insgesamt auf die Erhaltung der Lernkräfte günstig aus. Zu fragen ist daher, ob die so genannte Leistungsverweigerung in der Pubertät nicht auch dort ihre Ursache hat, wo zu früh und über Jahre Raubbau an den kindlichen Lernkräften betrieben wurde.

Aus salutogenetischer Sicht (Salutogenese ist die Lehre von der Gesunderhaltung des Menschen) kommt den Rhythmusfragen in der Schule eine wichtige Bedeutung zu, wenn man sich vor Augen führt, dass die Nichtberücksichtigung der Tiefpunkte in der Leistungsbereitschaft dazu führt, geschützte Reserven, also Kraftreserven, die dem Körper eigentlich nur für den Notfall zur Verfügung stehen, ständig aktiviert werden. Auf die Dauer können sich daraus schwerwiegende Krankheiten entwickeln (Schlafstörungen, Kreislaufregulationsstörungen, Müdigkeitssyndrom).

Der Wochenrhythmus, dem Regeneration und Heilung zukommen und der an dieser Schule außerordentlich viel diskutiert wurde, sollte trotz der Verkürzung der Schultage ein Wochenrhythmus bleiben. Hier sind die Eltern gefragt, indem sie den Samstag deutlich als Abschlusstag der Arbeitswoche gestalten, damit am Sonntag Freiraum für schöpferische Initiativen sein kann. In diesem Erleben der Woche finden die Kinder Anschluss an ihre heilenden und regenerativen Kräfte.

Wir wissen heute, wie wichtig es gerade bei Kindern ist, die oben ausgeführten Erkenntnisse bezüglich der Rhythmen zu berücksichtigen. Ein Kind wird umso stabiler, je stärker diese beachtet werden. Und wie gesund ein Mensch im Erwachsenenalter sein wird, und dies wird zunehmend deutlich, hängt ebenfalls stark mit seinen Bedingungen in der Kindheit zusammen.

Leider werden diese Fragen in der politischen Bildungsdiskussion überhaupt nicht beachtet - was zur Folge hat, dass die Freude am Lernen, die Neugierde auf die Welt und das Empfinden immer Lernender sein zu wollen in den Kindern zerstört wird.

Erika Richter