Eltern und Lehrer an der Waldorfschule
Grundlagen einer dialogischen Zusammenarbeit
Protokoll des Vortrags von Dr. Karl-Martin Dietz , Hardenberginstitut
Heidelberg, am 8. November 2005
R. Steiner: „Aus dem Verstehen der Eltern kommt die Schlagkraft der Schule.“
Steiner beschreibt folgende Aufgaben für die Zusammenarbeit zwischen Eltern und
Lehrern:
1. Eltern kennen ihre Kinder besser als die Lehrer, die wiederum auf diese
Kenntnisse der Eltern angewiesen sind.
2. Auf den Elternabenden hört der Lehrer, welche Vorstellungen die Eltern von
der Erziehung ihrer Kinder haben. Er informiert die Eltern über das, was an der
Schule und in der Klasse geschieht.
3. Die Eltern sind für die Lehrer die Schnittstelle zwischen Schule und
außerschulischem Bereich, also die Verbindung der Schule zur übrigen
Gesellschaft.
Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern an der Waldorfschule ersetzt das,
was in staatlichen Schulen Aufgabe des Lehrplans und der staatlichen Aufsicht
ist.
Rolle der Eltern an der Waldorfschule:
1. Eltern sind für die Lehrer Erziehungspartner
2. Eltern sind Mitverwalter des Schulorganismus (nicht zur Zeit von Steiner)
Was ist Selbstverwaltung? Gesetze und Verordnungen fehlen. Daher ist bei der
selbstverwalteten Schule nichts vorgegeben, sondern alles entsteht erst durch
das gemeinsame Tun. Für den Einzelnen bedeutet Selbstverwaltung nicht das
Erfüllen irgendeiner Funktion, sondern er muss sich mit seinen Fähigkeiten
selbst einbringen und Schule gestalten. Bei Problemen mit der Selbstverwaltung
wird im Allgemeinen an den Strukturen der Schule gearbeitet, weil der Fehler
dort vermutet wird. Sinnvoller ist es, den geistigen Impuls der Schule
wiederzubeleben oder lebendig zu halten, z.B. durch das gemeinsame Gespräch:
„Warum bin ich hier an dieser Schule Lehrer, warum schicke ich meine Kinder
hierher?“ Aus allen Motiven lässt sich ein Gemeinsames als der geistige Impuls
herausarbeiten. Die Bedeutung des geistigen Impulses besteht darin, dass durch
ihn die Unterschiede zwischen Eltern und Lehrern schwinden. Das Gruppendenken
(„die“ Lehrer, „die“ Eltern) löst sich auf.
Worauf muss man bei der Selbstverwaltung achten?
1. Wie gehe ich auf die Menschen zu, mit denen ich zu tun habe? Wenn ich die
Menschen nur danach beurteile, ob sie mir sympathisch sind oder ob sie mir
Nutzen bringen, bleibe ich dadurch nur in mir selbst verhaftet. Zu einer echten
Begegnung kommt es nur durch Interesse am anderen: Was denkt der andere? Warum
ist er so, wie er ist? Dadurch kommt es zum Verstehen. Auch wenn sich in einer
Gemeinschaft nur Einzelne um dieses Verstehen bemühen, ändert sich die
Atmosphäre.
2. Erkenne ich die gegebene Wirklichkeit? Gelingt es mir, diese zu
durchschauen? Kann ich bemerken, wenn mir Aspekte fehlen oder wenn ich
Zusammenhänge nicht verstehe? Wichtig ist das Bemühen um Erkenntnis.
3. Wie gestalten wir die Zukunft? Voraussetzung dafür ist das Sammeln von
Ideen.
4. Umsetzen von Ideen durch Handeln. Voraussetzung dafür ist die Initiative.
Die Zusammenarbeit auf der Basis dieser vier Punkte wird als dialogische
Zusammenarbeit bezeichnet. Dabei bedeutet „dialogisch“ nicht nur durch das
Gespräch, sondern bezieht sich auf den eigentlichen Wortsinn: dia = durch;
logos = die Wirkkraft.
Die vier Anteile der dialogischen Zusammenarbeit werden durch jeweils
entsprechende dialogische Prozesse verwirklicht:
1. Die individuelle Begegnung mit dem Menschen
2. Transparenz
3. Beratung bei der Ideenfindung, Entwicklung von Modellen
4. Entschluss, Übernahme der Verantwortung für diesen Entschluss, eventuell
auch Überdenken eines Entschlusses, wenn sich die Umstände ändern oder sich der
Entschluss als falsch erweist.
Zu den bisher beschriebenen beiden Rollen der Eltern an der Schule (als
Erziehungspartner und als Mitgestalter) kommt eine dritte, die Steiner so
formuliert: Die Eltern erbringen eine „Kulturtat“ dadurch, dass ihre Kinder
diese Schule besuchen.
In der Praxis kann die Eltern-Lehrer-Zusammenarbeit so aussehen: Die Lehrer
können sich folgende Fragen stellen (Selbstprüfung im Kollegium):
1. Sind die Eltern über alle wesentlichen Vorgänge der Schule rechtzeitig und
umfassend informiert?
2. Wie werden die Eltern über die Elternabende hinaus vom Kollegium
angesprochen? Mit welchen Themen und Anliegen kommt das Kollegium auf die
Eltern zu?
3. Werden mit Eltern zusammen Grundlinien der Pädagogik erarbeitet? Geschieht
dies eher mit dem Charakter der Belehrung oder werden die Kompetenzen von
Eltern gefordert? (Zum Beispiel haben Eltern manchmal eine längere und
umfassendere „Waldorferfahrung“ als Lehrer, insbes. bei neuen Lehrern. Das kann
zu Konflikten führen, wenn es nicht richtig angesprochen und miteinbezogen
wird).
4. In welche Entscheidungen werden Eltern vom Kollegium einbezogen?
5. Ist allen Beteiligten klar, wohin sich Eltern wenden können, wenn sie Fragen
oder Beschwerden haben oder Beobachtungen mitteilen wollen?
6. Worin sehen wir das Hauptproblem an unserer Schule im Hinblick auf den
Einbezug der Eltern?
7. Besteht Furcht vor einem Mitbestimmungswillen der Eltern? Weshalb?
8. Gibt es gemeinsame Beratungen über allseits interessierende Fragen, wie z.B.
die Bedeutung der Waldorfpädagogik für die Gegenwart, Stellung und Chancen der
eigenen Schule im Zusammenhang mit der Kultur in der Region, das Verhältnis von
Schule und Berufsleben etc. ?
9. Gibt es eine offene gemeinsame Behandlung pädagogischer Problemfragen, wie
z.B. Nutzung von Massenmedien, Freizeitverhalten, Drogenkonsum, Gewalt,
Konsumgesellschaft, Musikszene usw. Aber auch: Besprechung motivierender
Aktivitäten wie Orchester- und Kammermusik, künstlerische Ausgestaltung der
Schule, Arbeitsgemeinschaften etc. ?
10. Gibt es das Engagement von Lehrern in einem kontinuierlichen
Eltern-Lehrer-Kreis, in gemeinsamen Konferenzen o.Ä.?
11. Was kann ein nächster Schritt an unserer Schule sein, um das Verhältnis zu
den Eltern von Seiten des Kollegiums zu verbessern?
12. Wenn wir „Eltern“ denken, denken wir dann eher an
- eine Interessengruppe oder an einzelne Individuen?
- unvermeidliche Störfaktoren oder notwendige Mitgestalter (Partner)
- Beobachtungsobjekte zur Erklärung von Schülerverhalten oder Mitwirkende
- bei einer gemeinsamen pädagogischen Bemühung?
13. Wenn wir „unsere Schule“ denken: Gehören die Eltern dazu?
Die Eltern können Folgendes tun:
1. Initiativ handeln
2. Handeln aus dem Bewusstsein für das Ganze, Mitgestalten
3. Aufgaben suchen, die erfüllt werden müssen, z.B. wie unterstützen wir die
Jugendlichen an unserer Schule
4. Sich dazu entschließen, dass es kein Gerede hinter dem Rücken Betroffener
gibt. Das offene Gespräch suchen.
5. Die Lehrer nicht als Kollektiv betrachten, sondern die Individuen sehen
Literatur: Karl-Martin Dietz: Dialog – Die Kunst der Zusammenarbeit, Menon
Verlag 2001, 16,30 € Weitere Veröffentlichungen finden sich im Verlagsprogramm
des Menon Verlages, Hauptstraße 59, 69117 Heidelberg, Telefon 06221-21350
E-Mail: menon-verlag@hardenberginstitut.de
www.hardenberginstitut.de
Claudia Schmidt