
1950 schleppten einige von uns ihre Schultüten zum provisorischen Schulquartier am Hainweg. 1960 schrieben wir unsere Arbeiten in der 10. Klasse im neuen Schulhaus an der Ockershäuser Allee. 1964 war dort für einige das Abitur dran. Manche sind in diesen 13 Jahren unserer Schulzeit dazugekommen oder gegangen. Wir haben uns (fast) alle wiedererkannt. Mehr als 50 bzw. 40 Jahre liegen zwischen den Stationen unserer Schulzeit und unserem Wiedersehen in unserer Schule am sonnigen Wochenende des 25. bis 27. Juni 2004.
Fast 20 ergraute aber frohgestimmte Ehemalige der Marburger Waldorfschule (Klassenlehrer waren Gerhard Zühl, Herta Schlegdendahl, Bruno Dressel) haben sich auf ihre alten Physikraumbänke gesetzt und sich vor eingekerbten Werkstatttischen an Unwichtiges Wichtiges zurückerinnert. Ob uns Herr Neunziger auch wiedererkannt hätte ? Herzlichen Dank der 6. Klasse für ihre meisterhafte Theateraufführung in englischer Sprache, die uns sehr gefallen hat. Vielen Dank auch Herrn Schäfer für seine geduldige und inhaltsvolle Führung durch Altes und Neues. Es war schwer, die Erinnerungen zu bremsen – und so hat der Gang durch die Schule an diesem Samstag etwas länger gedauert... Auch Ihnen, Frau Leimbach, vielen Dank für alle Unterstützung und Organisation vor Ort.

Was hatten wir uns vorgenommen ? Namen und Adressen haben sich über Monate hinweg wie ein Mosaik zusammenfügen lassen. Mancher Baustein ist noch verschollen, einige aus unserer Klassengemeinschaft werden in unserem Bild für immer fehlen, weil sie verstorben sind. Wir haben an sie gedacht. Das gleiche gilt für unsere Lehrer, denn auch sie sind fast alle nicht mehr unter uns.

Viel Zeit zum Gespräch hatten wir uns vorgenommen. Denn in alle Winde waren wir ausgezogen; über Ziele, Erfahrungen, Enttäuschungen, Lehren, Freuden, Hoffnungen, Schwierigkeiten, Erfolge und Bemühungen wollten sich die 60-Jährigen heute austauschen. Es kam mehr heraus, als ein: „weißt Du noch...“. Ja, wir wussten noch. Und wir wussten auch einige Antworten auf die Frage, was uns unsere Schule und was uns unsere Lehrer gegeben oder nicht gegeben haben. Dieser Rückblick war uns wichtig. Aber es ging auch um unseren eigenen Weg danach: was ist nach allem geworden und wie haben wir aus der Waldorfschule uns selbst bewährt. Es gibt einige Waldorfkinder unter unseren Kindern und auch Waldorf-Enkelkinder. Hat das auch etwas zu bedeuten ?
Mit uns sind eine Menge verschiedener Berufe und Tätigkeiten zusammengekommen. Prägungen aus unserer Schulzeit haben sich mit vielen anderen Anforderungen und Einflüssen verschmelzen müssen. Einiges aus dieser Schulbildung habe wir beruflich an andere weitergeben können, vieles ist als unser Handwerkszeug und Rückgrat wichtig gewesen, und noch wieder anderes hat unser Denken und Tun im persönlichen Leben geformt. Wir sind uns bewusst geworden, dass eine Menge von den äußeren Verhältnissen überlagert und verschüttet wurde. Aber trennen können und wollen wir uns nicht von dem, was wir im Hintergrund mitgenommen haben. Schwieriges aus der Schulzeit und danach haben wir verarbeitet, Bewährtes und Hilfreiches haben wir genutzt und eingesetzt. Und es gibt viel, was noch an die nach uns weiterzugeben ist.

Wenn im Lauf der Zeit der eine oder andere diese Zeilen liest und die Bilder betrachtet, bekommt er vielleicht Lust, sich mit 65 oder 70 einem ähnlichen Vorhaben zu widmen.. In unserer Klassengemeinschaft ist das Treffen auf eine sehr persönliche und ansprechende Resonanz gestoßen. Geht auch das irgendwo auf unsere Marburger Waldorfschultage zurück ?
Nicht zuletzt in allem Ernst: Die Schule braucht ganz aktuell unsere Hilfe bei angeordneten Sanierungsmaßnahmen. Es müssen für mehr als 90.000 € Brandschutz-Fluchtwege aus der alten Aula gebaut werden, die so nicht mehr für ihren Zweck benutzt werden darf.. Jede Spende ist herzlich und dringend willkommen. Mit einem schnellen kleinen Ruck ist der Überweisungsauftrag an „Waldorfpädagogik Marburg e.V., Konto Nr. 16027456, Sparkasse Marburg-Biedenkopf (BLZ 533 500 00) gleich ausgefüllt und abgeschickt. Die Fluchtwege werden hoffentlich nie benutzt werden müssen, aber sie retten im Ernstfall Menschenleben.
Bis zum nächsten Mal in ?? Jahren. Es lohnt sich, zwischen durch Kontakt zu halten.

Rudolf du Mesnil, Frankfurt/M (r.m.dumesnil@t-online.de)