60 Jahre Freie Waldorfschule Marburg

Wenn eine Schulgründung 2005 60 Jahre, also fast zwei Generationen zurückliegt, dann stellen sich zuerst viele Fragen: Wie konnte es damals, d. h. unmittelbar 1945 nach dem Dritten Reich dazu kommen? Wer waren die Menschen, die das zu Wege brachten? Wie geschah das? Wo begann das Schulleben? Seit wann gibt es die Schule in etwa so, wie wir sie heute kennen? Manche Antworten wurden bereits aus Anlass der 50-Jahr-Feier 1995 gegeben; aber für die heutige Schulgemeinschaft sind sie nicht gegenwärtig. Obendrein wird jetzt auch noch hartnäckiger nachgefragt, so dass tatsächlich die Gründungsgeschichte inzwischen deutlicher dargestellt werden kann.

Dass an 28. August 1945, an Goethes Geburtstag, der Schulverein gegründet werden konnte, bevor am 8. Oktober mit 91 Kindern der Unterricht begann, war keine `Gründung aus dem Nichts´, sondern wie die US-amerikanische Unterrichtserlaubnis vom 6. Juni 1945 besagte, ein `re-opening´. Was aber wurde `wiedereröffnet´, wenn es denn erst seit jenen Tagen eine Marburger Freie Waldorfschule gibt? Unsere Schule hieß im Untertitel zunächst noch `Selterschule´. Und diese wurde tatsächlich mit der Gründung unserer Schule wieder eröffnet – vor allen übrigen Marburger Schulen!

Denn diese 1898 in Marburg zunächst als private Mädchenschule gegründete Schule hatte seit den 30er Jahren eine Waldorfschule werden sollen. Sie erhielt zwar 1933 gleich ein Schüleraufnahmeverbot von den Nazis und wurde dann auch zu Ostern 1939 zwagsgeschlossen, aber die ersten Schritte in Richtung ihrer Umwandlung in eine Waldorfschule waren eingeleitet und vollzogen worden: Die Schule war Mitglied im Stuttgarter Schulverein, in pädagogischer Hinsicht dem Vorläufer des heutigen Bundes der Freien Waldorfschulen, geworden; man hatte mit Koedukation begonnen; und 1934 war die erste Waldorflehrerin, HERTA SCHLEGTENDAL, aus Stuttgart nach Marburg gekommen, um mit dem Lehrerkollegium die Waldorfpädagogik zu erarbeiten.

An diese Vorarbeit konnte gleich nach der Befreiung Marburgs am 28. März 1945 angeknüpft werden.

Allerdings bedurfte es jetzt anderer Menschen, die freudig-mutig die gesäten Samen zum Austreiben brachten. Denn die eigentliche Initiatorin war tot: Am 5. März 1945 traf bei einem Fliegerangriff eine Bombe das Haus der Selter-Schule in der damaligen Wörth-, heutigen Liebigstraße, zerstörte es total und tötete seine Bewohner, darunter ANNA SELTER (1871 – 1945). Sie war es gewesen, die seit 1925, seit sie einen öffentlichen Vortrag der Christengemeinschaft von Friedrich Rittelmeyer gehört hatte, daran gearbeitet hatte, zuerst ihre ältere Schwester JOHANNA SELTER (1865 – 1942) zu überzeugen und dann die ganze Schule auf den Weg der Waldorfpädagogik zu bringen. Dem Vortrag lag das Wort aus dem Lukas-Evangelium (Kap. 12, Vers 49) zu Grunde: „Ein Feuer bin ich gekommen auf die Erde zu werfen“ – und es hatte in ANNA SELTER gezündet!

Im Gedenken an sie wurden dann vor allem drei Persönlichkeiten 1945 vermächtnishaft aktiv: LISA DE BOOR; Lic. ROBERT GOEBEL und HANS SCHWEDES – eine Schriftstellerin, die als Anthroposophin und Mitglied der Christengemeinschaft zeitweilig in GESTAPO-Haft gesessen hatte; der erste Pfarrer der Christengemeinschafts-Gemeinde in Marburg seit 1924; und der zu Kriegsende (bis 1948) nach Marburg verschlagene aktive Alt-Anthroposoph, der 1933 von den Nazis als SPD-Mitglied aus dem Schuldienst entfernt worden war und nun von der US-Besatzungsmacht zum Marburger stellvertretenden Bürgermeister und zum Schulrat gemacht wurde. Daher ging alles so schnell!

Mit der Unterrichtserlaubnis der Amerikaner in der Hand konnten die nötigen Lehrer gesucht werden: Vor allem wurde zu HERTA SCHLEGTENDAL hinzu gewonnen Dr. WOLFGANG SCHUCHHARDT, der von Berlin kommend eigentlich die Philipps-Universität angesteuert hatte, aber früher bereits in Hannover Waldorflehrer gewesen war; ROBERT GOEBEL überzeugte ihn, sich unserer Schule zur Verfügung zu stellen. Deshalb gab es dann auch unseren langjährigen Kollegen Malte Schuchhardt, seinen Sohn, und gibt es jetzt im Waldorfkindergarten Yvonne Schuchhardt, seine Enkelin!

Zu den drei Gründerpersönlichkeiten fanden sich viele alte Freunde der Selter-Schule hinzu sowie manche durch die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse nach Marburg verschlagene Anthroposophen. Hier sei wenigstens der Marburgerin, Anthroposophin und Schulmutter der Selter-Schule DELLA MÜLLER gedacht: Denn ihr verdankt unsere Schule den sogen. Müller-Bau, den Verbindungsbau mit den Klassenräumen 1 – 8. Sie war von 1945 an im Gedenken an ihren 14jährig bei einem heimlich im elterlichen Garten unternommenen Chemie-Experiment zu Tode gekommenen Sohn MICHAEL immer zur Stelle, wenn es etwas zu helfen oder zu feiern gab, und sie überredete ihren Mann, der Schule ihr Haus und Grundstück zu vermachen, das dann nach Verkauf in den `MüllerBau´hineinverwandelt werden konnte!

Aber der Anfang wurde in Räumen der alten Schlossberg-Schule an der Lutherischen Pfarrkirche (heute Melanchton-Haus) gemacht, von wo man 1946 an den Hainweg, auf das Gelände der `Alemannen´ und `Teutonen´, in angemietete Räume und Baracken, umzog. Die Schule hatte inzwischen sehr viele SchülerInnen, allerdings sehr wenig Geld. Anfang der 50er Jahre kam das Angebot zur kompletten Übernahme des Kollegiums: für eine Rudolf-Steiner-Schule Ruhrgebiet in eigenen Räumen und mit einem sicheren Einkommen für die Lehrer. Doch auf einer dramatischen Elternversammlung erklärten sich die Marburger bereit die notwendige Mindestsumme für den Ankauf eines eigenen Schulgeländes in Marburg aufzubringen, weil man `seine´ Waldorfschule behalten wollte! So wurde dann das heutige Grundstück mit seiner alten Villa gefunden, bebaut und schrittweise bezogen. 1954 wurde noch am Hainweg von der ersten 13. Klasse das Abitur abgelegt. Ab Ostern 1957 waren dann alle Klassen in der Ockershäuser Allee untergebracht – und wenn die Finanzierung gesichert war, wurde weiter gebaut, zuletzt das heutige sogen. Schülerhaus mit Küche und Hort. Entsprechendes gilt auch für den Kindergarten, der zuerst in einer Baracke auf einem Gelände der Niedereheschen Fabrik an der heutigen Straße Zum Schwanhof einzügig begonnen hatte.

Möge auch in Zukunft das durch ANNA SELTER gezündete Feuer waldorfpädagogisches Licht in die Marburger Landschaft verbreiten.

Friederun Christa Karsch