Terminhinweise

  • 25. September 2017 16:00Offene Sprechstunde des Kindergartens und der Kinderstube
  • 26. September 2017 12:00Australisches Theater: "Snow White" für die Unter- und Mittelstufe
  • 26. September 2017 20:15Australisches Theater: "Romeo and Juliet"
  • 28. September 2017 10:45schulinterne Monatsfeier
  • 30. September 2017 10:00Öffentliche Monatsfeier
  • 2. Oktober 2017 16:30Offene Sprechstunde der Schule für Quereinsteiger und andere Interessierte
  • 6. Oktober 2017 11:30Letzter Unterrichtstag vor den Herbstferien
AEC v1.0.4 Weitere Hinweise finden Sie im Terminkalender

Über pädagogische Themen

Jede menschliche Entwicklung vollzieht sich in Rhythmen. Ein besonders bedeutsamer und nicht nur in der Waldorfpädagogik beachteter Rhythmus ist der Siebenjahre-Rhythmus.

Im ersten Lebensjahrsiebt, bevor das Kind schulreif ist, baut es vor allem seinen Leib auf und lebt ohne Zeitgefühl ganz dem Augenblick hingegeben. Durch seine Sinne verbindet es sich innig mit der Welt. Es möchte diejenigen, die schon in ihr leben, mitempfindend nachahmen und entwickelt ein Urvertrauen: Die Welt ist gut – ich lebe gern in ihr.

Im zweiten Lebensjahrsiebt entfalten sich Erinnerung und Gedächtniskraft, Phantasie und Denkvermögen – auf einem festen Grund. Waldorflehrerinnen und –lehrer bauen ein von liebevoller Autorität geprägtes Verhältnis zu ihrer Klasse auf. Das Schulkind spürt: Durch diese Menschen lerne ich zu arbeiten. Das Grundgefühl sagt: Die Welt ist schön.

Im dritten Jahrsiebt nimmt der junge Mensch Distanz zu seinem Selbst und zur Außenwelt. Er beginnt, „seine“ Welten – die äußere wie die innere – als eigenständige Räume zu erleben, die er wie ein Gegenüber kennenlernen, aber auch schützen und bewahren will. In dieser Zeit werden entscheidende Grundlagen gelegt für eigenes Urteil, für die Fähigkeit zur Kritik und für die Ausprägung eines jeweils eigenen Standpunktes, der durch das Denken gesichert ist. Dabei kann in Gesprächen und im Umgang mit anderen Menschen alles dies erweitert und korrigiert werden. Im dritten Jahrsiebt möchte die Waldorfschule Interesse am Leben wecken und die Fähigkeit ausbilden, sich Stoffe selbst zu erarbeiten.

Die Jugendlichen erfahren: Die Welt ist wahr. Sie ist nicht willkürlich, sondern nach verlässlichen Gesetzen aufgebaut. Der junge Mensch ist ihr nicht ausgeliefert, sondern soll und kann aus eigener Erkenntnis zum freien Mitgestalter werden.

Unter- und Mittelstufe

Der Klassenlehrer

Rhythmus kann seine günstige Wirkung nur entfalten, wenn die Lebensbedingungen des Kindes beständig sind. Waldorf-Klassenlehrerinnen und –lehrer begleiten deshalb eine Klasse in der Regel acht Jahre lang durch Malen und Zeichnen, durch Schreiben, Lesen und Rechnen, durch Singen und Flöten, durch Heimatkunde, Deutsch und Geschichte, durch Mathematik und Geometrie, durch Erdkunde, Biologie, Physik und Chemie.

Kurz: Waldorflehrer unterrichten als Klassenlehrer im Hauptunterricht (in den Klassen 1 bis 8 ) so gut wie alle Fächer – außer Fremdsprachen, Sport, Eurythmie, Musik und handwerkliche Fächer wie Werken, Gartenbau und Handarbeit.

Der Hauptunterricht

Der Hauptunterricht umfasst täglich die ersten beiden Stunden. In ihnen behandelt der Klassenlehrer ein Stoffgebiet in Epochen über mehrere Wochen hinweg. Die Schüler können sich auf diese Weise intensiv damit verbinden. Sie haben genügend Zeit, um die verschiedenen Phasen sinnvollen Lernens zu durchlaufen: vom Wahrnehmen bis zum Verstehen, vom Üben bis zum Verarbeiten. Junge Menschen fühlen sich nicht angesprochen von bloßer Wissensvermittlung. Wenn der Unterricht aber so gestaltet ist, dass im rhythmischen Wechsel Spannungen aufgebaut und wieder gelöst werden, wird Schule lebendig. Die Schüler nehmen auf, werden tätig, hören zu, erzählen nach, dürfen ernst und heiter sein. Der Unterricht atmet.

In einer Unterrichtsstunde dieser Art wird ein Waldorflehrer nicht alles bis zu Ende erklären, sondern bewusst wichtige Fragen offen lassen. Bis zum nächsten Tag können die offenen Fragen so weiterwirken, dass sie dann mit tieferer Einsicht von den Schülern neu aufgegriffen werden.

Lehrer und Schüler erarbeiten und erleben die Lerninhalte künstlerisch: Bewegung, Farbe, Klang und Ton, Melodie, Reim und Rhythmus durchdringen und beleben jedes Thema. So entstehen lebendige Begriffe, die „mitwachsen“, sich mit der Reifung der Kinder verändern und lebenslanges Lernen vorbereiten.

Viele Kinder leiden unter der Reizüberflutung, der sie heute ausgesetzt sind: Vor allem optische und akustische Erfahrungen stürmen ungefiltert auf sie ein und stumpfen ihre feinen Sinne ab. Im Gemüt der Kinder entwickelt sich häufig als Gegenreaktion wachsende Aggressivität.

Deshalb bemühen sich Waldorflehrerinnen und –lehrer, die Schüler Töne, Geräusche, Farben, Düfte und Naturstimmungen in all ihren Feinheiten erleben zu lassen. So können sich die Sinne der Kinder gesund entfalten. Eine wichtige Gesetzmäßigkeit hilft den Pädagogen die Kinder vor einer Überflutung zu schützen: „Schwache Reize wirken auflösend, mäßige Reize entwickeln, starke Reize hemmen, überstarke Reize zerstören.“(Hugo Kükelhaus)

Waldorflehrer bemühen sich, den Unterrichtsstoff niemals abstrakt oder rein intellektuell zu vermitteln. So sind Buchstaben für sich genommen abstrakte Zeichen, zu denen unsere gesprochene Sprache geronnen ist. Die Fähigkeit, Zeichen von innen her mit Sinn zu beleben, entwickelt sich bei Kindern aber nur langsam. Deshalb lernen Waldorfschüler das Lesen später als Schüler an Regelschulen.

Die notwendige Sicherheit im Schreiben, Lesen und Rechnen gewinnen die Kinder, indem sie diese Grundfertigkeiten nicht nur in den entsprechenden Epochen erlernen, sondern darüber hinaus in fortlaufenden Übstunden festigen.

Der Fachunterricht

Nach dem Epochenunterricht in der ersten beiden Stunden eines Schulvormittags folgen in Einzelstunden die Fächer, an denen durchgehend gearbeitet und geübt wird: Von der ersten Klasse an sind das zwei Fremdsprachen (bei uns an der Freien Waldorfschule Marburg sind das Englisch und Französisch), Musik, Eurythmie, Turnen, Religion und die Übstunden in Rechnen und Deutsch. Die praktischen, handwerklichen und künstlerischen Fächer werden in Doppelstunden ein, zwei oder drei Mal die Woche unterrichtet.

Die Klassengröße (von Schule zu Schule unterschiedlich 20 bis 40 Kinder) ist variabel: Während im Hauptunterricht meist die ganze Klasse gemeinsam unterrichtet wird, werden die Klassen im Fachunterricht zumeist geteilt.

Um das zehnte Lebensjahr, in der 3. Klasse, durchleben die Kinder eine Entwicklungsphase, in der das selbstverständliche Sich-Verbundenfühlen mit der Welt abreißt. In dieser Zeit empfindet das Kind häufig eine große Verunsicherung in seiner Beziehung zu Mitmenschen und Umwelt. Einsamkeitsgefühle und Ängste – ja Krisen – stellen sich ein.

In der dritten Klasse lernen die Kinder nun besonders die praktische Arbeit kennen und schlagen eine neue Brücke zur Welt, indem sie sich tätig mit ihr verbinden: Auf einem Stück Land bauen sie Weizen oder Roggen an und errichten unter Anleitung ein Haus, das auf dem Schulgelände gebraucht wird: ein Holtlagerhaus, eine Schmiede, ein Bienenhaus, einen Geräteschuppen…

Die Ackerbauperiode in der 3. Klasse

als Beispiel für altersgemäße Pädagogik an der Freien Waldorfschule Marburg

Zum Pflügen werden die Drittlklässler in Gruppen zu je 12 bis 15 „Schimmeln“, „Rappen“ und „Füchsen“ eingeteilt. Zuerst werden die „Schimmel“ vor den Pflug gespannt. Die Kinder ziehen an einem langen Seil den Pflug, den der Gartenbaulehrer in die Scholle drückt. Sie erleben, wieviel Kraft in einer „Pferdestärke“ steckt. Danach spannen sich die „Rappen“ vor den Pflug und schließlich pflügen die „Füchse“ ein paar Reihen… Am Ende eines solchen Vormittags sind die Kinder erschöpft.

Bei der Aussaat betrachten die Kinder den kleinen Sack mit den Saatkörnern und können sich nicht vorstellen, wie aus so wenigen Körnern jemals genug Getreide werden kann, um daraus Brot für eine ganze Klasse zu backen.

Im Frühherbst ernten die Drittklässler ihr Getreide mit der Sense, binden Garben und schichten sie auf. Sie dreschen den Weizen oder Roggen und trennen die Spreu vom Korn. Jetzt kommt ihnen der Sack voll Getreide eher zu groß vor, denn es ist ein mühsames Unterfangen, die Körner in der Handmühle zu Mehl zu mahlen. An vielen Mühlen nebeneinander drehen die Kinder abwechselnd mit aller Kraft.

Dann kann der Brotteig angesetzt werden. Der Gartenbaulehrer heizt den Holzofen an, die Kinder formen ihre Brotlaibe und verzieren sie. Dann wird das Brot eingeschoben. Es gibt wohl kein Brot, das so gut schmeckt, wie das Brot, an dem die Drittklässler vom Pflügen übers Eggen, vom Säen übers Ernten, vom Dreschen und Mahlen übers Kneten bis zum Backen mitgearbeitet haben.

Fächerübergreifender Unterricht

Während das Getreide heranreift, hören die Kinder in der Biblischen Geschichte von der Erschaffung der Erde, der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, und wie dem Menschen der Auftrag gegeben wurde zu arbeiten, sich das Land nutzbar zu machen und es zu pflegen.

Im Rechenunterricht werden die Maße eingeführt, Kilogramm, Pfund und Gramm – die Kinder wiegen im Zusammenhang mit dem Ackerbau. Meter, Zentimeter und Millimeter – die Kinder messen und rechnen in Zusammenhang mit dem Haus, das sie auf dem Schulgelände bauen. Die Drittklässler besuchen viele verschiedene Werkstätten und lernen die unterschiedlichsten Handwerke kennen.

Im Englisch- und Französischunterricht lernen sie parallel dazu Verse, Spiele und Lieder, in denen es um Handwerk, Haus und Feld geht. So verflechten sich die einzelnen Epochen fächerübergreifend über alle Schuljahre hinweg.

Die 8. Klasse – Abschluss der Mittelstufe

Acht Jahre lang, bis zum Ende des zweiten Lebensjahrsiebts, werden die Schüler also von „ihrem“ Klassenlehrer im Hauptunterricht begleitet, während sie im Fachunterricht von den jeweiligen Fachlehrern unterrichtet werden.

In der achten Klasse schreiben die Jugendlichen die erste große Jahresarbeit: Jeder Schüler erarbeitet ein Thema seiner Wahl und fasst es in einem selbst gestalteten kleinen „Buch“ zusammen, das er für die Schulgemeinschaft und die Eltern zur Ansicht auslegt: Viele Schüler wählen die Biografie einer großen Persönlichkeit, mit der sie sich in ihrer Jahresarbeit intensiv auseinandersetzen; andere Schüler fertigen eine künstlerische oder handwerkliche Arbeit an. Den schriftlich erarbeiteten Teil stellen die Jugendlichen der Klassengemeinschaft in einem Referat vor.

Die Achtklässler unternehmen eine gemeinsame Klassenfahrt und feiern den Abschluss der Mittelstufe mit einem Theaterstück, das sie zusammen einstudieren. Kulissen, Requisiten und Kostüme fertigen sie mithilfe der Werk- und der Handarbeitslehrerinnen und –lehrer selbst an.

Nach der 8. Klasse, am Ende des zweiten Lebensjahrsiebts, also wenn die Schüler die Pubertät erreicht haben, übergibt der Klassenlehrer sie an ein Team von Fachlehrern in die Oberstufe.

Die Oberstufe

Der Rahmen der eigentlichen Waldorfschule spannt sich bis zur 12. Klasse. Im Anschluss daran können sich in der 13. Klasse diejenigen Schüler auf das Abitur vorbereiten, die diesen Abschluss anstreben. Von der 9. Klasse an übernimmt ein Oberstufenlehrer die Klassengemeinschaft als Klassenbetreuer.

Der Lehrplan geht wieder von der Entwicklung der Schüler aus, die sich inzwischen im dritten Lebensjahrsiebt befinden. Sie lernen weiterhin in Epochen, haben jetzt aber auch im Hauptunterricht Fachlehrer.

Was in der unteren Klassen in allen Fächern bildhaft angelegt worden ist, greifen die Oberstufenlehrer jetzt in einer neuen, begrifflichen und wissenschaftlichen Form auf. An der Objektivität und Exaktheit der Naturwissenschaften schulen die Jugendlichen ein Denken, das die Welt ohne Vor-Urteile zu begreifen sucht.

Indem sie sich intensiv mit deutscher und fremdsprachiger Literatur auseinandersetzen, mit Geschichte, sozialen und politischen Zusammenhängen, entwickeln sie ein Gefühl für menschliche Schicksale und für die Verantwortung, die damit verbunden ist.

Waldorflehrer sind bemüht, den sensiblen Prozess, in dem sich die Jugendlichen in diesem Alter befinden, nicht durch eine frühzeitige Spezialisierung zu stören. Vielfältige Praktika, die den Fachunterricht nun ergänzen, schaffen die Grundlage für eine lebenspraktische Ausbildung: in der 9. Klasse machen sie ihre Erfahrungen mit einem Landwirtschafts- und einem Skipraktikum, in der 10. Klasse mit einem Feldmess- und in der 11. Klasse mit einem Sozialpraktikum. Das jeweilige Praktikum entspricht dem Entwicklungsstand der Schüler.

Wenn sich die Willens-, Gefühls- und Denkkräfte der Schüler gesund entwickeln können, treten die für dieses Alter typischen Phasen der Lustlosigkeit, der Kritiksucht und das Abgleiten in die Verehrung eines Idols nur als vorübergehende Stimmungen und nicht als ein lebensbestimmendes Element auf.

Der Waldorfabschluss

Ähnlich wie in der 8. Klasse können die Schüler auch in der 12. Klasse ein selbst gestelltes Thema erarbeiten. Das Thema ihrer Arbeit wählen sie frei nach ihren Neigungen, Begabungen und Fähigkeiten in Absprache mit einem Oberstufenlehrer oder einem fachlich kompetenten Menschen außerhalb der Schule. Die Jahresarbeiten bestehen jeweils aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. In einem Vortrag und praktischen Demonstrationen stellen die Schüler das Ergebnis ihrer Arbeit im Rahmen der Abiturprüfung vor: sie konstruieren Windkraftanlagen und Solarmobile, schreiben wissenschaftliche Abhandlungen, entwickeln neue Musikinstrumente, erforschen Naturphänomene, bauen Apparate,….

In der 12.Klasse studiert die gesamte Klasse ein anspruchsvolles Theaterstück ein und führt es öffentlich auf. Mit einer letzten Klassenfahrt – einer Kunstreise schließt die 12. Klasse ab.

Die Schüler, die das Abitur als Abschluss anstreben, bereiten sich ab der 12. Klasse auf die allgemeine Hochschulreife vor. Immer wieder wird die Befürchtung geäußert, die vielfältigen Aktivitäten an den Waldorfschulen könnten dazu führen, dass weniger Jugendliche zu qualifizierten Abschlüssen kommen als an Regelschulen. Die Erfahrung mit den Ergebnissen der letzten Jahre zeigt, dass diese Befürchtung unbegründet ist: Dadurch, dass die Heranwachsenden nicht nur intellektuell angesprochen werden, entwickeln sie Kräfte, die ihnen helfen, den Prüfungsanforderungen gewachsen zu sein.

Musik und Bewegung

In einer Waldorfschule klingt von morgens bis abends Musik. Neben dem Musikunterricht in allen Klassen begleiten Gesang und Instrumente einen großen Teil des Hauptunterrichts in der Unter- und Mittelstufe. Nachmittags erteilen in den Räumen der Waldorfschulen private Musiklehrer Einzelunterricht.

Von der ersten Klasse an erlernen die Kinder in der Klassengemeinschaft ein Instrument – meist Flöte oder Leier. Viele Schüler ergreifen darüber hinaus frühzeitig ein Orchesterinstrument.

So gelingt es häufig, schon in der Unter- oder Mittelstufe ein Klassenorchester aufzubauen.

Eine Waldorflehrerin, die erste Orchestererfahrungen mit ihrer vierten Klasse machte, beschreibt den sozialen Prozess, den die Kinder über das rein Musikalische hinaus erleben: „Anfangs ist es, wie wenn in einem Sack voller Flöhe alle durcheinander springen. Jetzt lernen sie gemeinsam Sackhüpfen“. Die Kinder üben zu lauschen, aufeinander zu hören. Dabei entwickeln sie Toleranz, seelische Beweglichkeit und Ausdauer.

Die musikalische Beschallung, die heute in vielen Lebensbereichen zum Alltag gehört, wirkt sich lähmend aus auf das Bedürfnis der Kinder, selbst zu singen. Um so mehr Aufmerksamkeit widmen Waldorflehrer dem Singen und der Stimmschulung ihrer Schüler. Sie sind bemüht, die Musikalität der Kinder in einer Weise zu wecken und zu fördern, die die jungen Heranwachsenden befähigt, den unterschiedlichen Musikströmungen unserer Zeit mit Verständnis und Unterscheidungsvermögen zu begegnen.

Eurythmie

Wenn ein Mensch spricht oder singt, bewegen sich sein Kehlkopf und die Luft, in die er hineinspricht oder –singt, nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten. In der Eurythmie werden diese Bewegungen, die sich für unser Auge unsichtbar vollziehen, mit dem ganzen Körper sichtbar gemacht. So stellen die Schüler in der Lauteurythmie dar, was in den Lauten lebt, aus denen sich unsere Sprache gebildet hat. In der Toneurythmie stellen sie dar, was in den Tonintervallen lebt, aus denen eine musikalische Komposition aufgebaut ist.

Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Laut der Sprache und für jeden Ton eine bestimmte Gebärde. So wie es nicht gleichgültig ist, ob ein Mensch anstatt des Wortes „Topf“ das Wort „Kopf“ verwendet, so ist in der Eurythmie die Gebärde für das „T“ eine andere als die für das „K“. Solange diese Eindeutigkeit nicht außer Acht gelassen wird, ist der Mensch in seiner eurythmischen Gestaltung ebenso frei, wie er die Freiheit hat, ein Wort auf seine eigene Weise auszusprechen.

Wenn Jugendliche ein Gedicht oder ein Musikstück eurythmisch interpretieren, entspricht die darin enthaltene Stimmung unter Umständen überhaupt nicht ihrer eigenen Stimmung. Die Heranwachsenden lernen, ihr eigenes Empfinden außer Acht zu lassen und sich einer gegebenen Sache zu stellen. Ohne Bewegung lässt sich kein Wille in die Tat umsetzen. Für Menschen, die verlernt haben, „sich in Bewegung zu setzen“, bleibt das Gewollte im Wünschen stecken. Eurythmie wirkt als ein Ausgleich zu den kränkenden, lähmenden Einflüssen unserer Zeit: an ihr können die Heranwachsenden ihren Willen stärken und sich nicht nur zu wünschenden, sondern zu sinnvoll wollenden und handelnden Menschen entwickeln.

Eurythmische Formen werden nicht nur mit dem Körper, sondern auch als geometrische Choreografien im ganzen Raum gebildet. Die Schüler erleben dabei, wie viel Wachsamkeit und Rücksichtnahme aufgebracht werden muss, bis eine Form gemeinsam gelingt: Jeder Schüler nimmt wahr, wie er sich selbst du wie seine Mitschüler sich zum Raum und zueinander in Beziehung setzen.

Bei der künstlerischen Aufführung kommt es auf jeden Einzelnen an, aber der Heranwachsende erfährt, dass „Recht haben“ nicht genügt, wenn eine Form in der Gemeinschaft gestaltet werden soll.

Eurythmie ist ein wesentlicher Bestandteil der Waldorfpädagogik und wird vom Kindergarten an bis in die höchsten Klassen unterrichtet. In ihrer therapeutischen Form findet die Eurythmie darüber hinaus erfolgreich als Heileurythmie Anwendung. In Zusammenarbeit mit dem Schularzt wird sie im Einzelfall da angeboten, wo sie Schülern helfen kann, körperliche und seelische Hemmnisse zu überwinden.

Erziehung zur Toleranz

Kinder sind von Natur aus weder rassistisch noch nationalistisch. Sie neigen von sich aus nicht dazu, Behinderte oder andere Randgruppen auszugrenzen. Eltern und Lehrer tragen eine besondere Verantwortung dafür, dass diese natürliche Toleranz und Offenheit dem Heranwachsenden nicht verloren geht.

In der Waldorfschule lernen Kinder und Jugendliche die Vielfalt der Kulturen und Völker auf lebendige Weise kennen: Im Fremdsprachen-, Geschichts- und Erdkundeunterricht erleben sie, dass die Welt geistig verarmen würde, wenn die „Einheit aller Menschen“ nicht in einer kulturellen, religiösen und sozialen Vielfalt differenziert wäre.

Weltfriede, Menschenrechte und internationale Verständigung sind für die Schüler keine hohlen Begriffe, sondern Ideale, die getragen sind von einer Einsicht, die die Jugendlichen im Unterricht selbst gewinnen.

Besondere Förderung

Die Gesundheit der Kinder ist den Waldorfschulen ein besonderes Anliegen. Ein Schularzt begleitet und unterstützt die Schüler und berät Eltern und Lehrer. Im Einzelfall helfen Heileurythmie, Sprachgestaltung oder therapeutisches Malen, körperliche und seelische Hemmnisse zu überwinden. Wenn Schüler Lernschwierigkeiten haben, erteilen Waldorflehrer nach Möglichkeit Förderunterricht in Kleingruppen.

Insbesondere bieten wir an der Marburger Waldorfschule:

  • Einzelförderung bei erkennbaren Entwicklungsverzögerungen im Bereich der verschiedenen Sinne.
  • Buchstabenarbeit in Kleingruppen bei Problemen der Kinder von der Wahrnehmung des Lautes zum Buchstaben zu kommen.
  • Arbeit in kleinen, klassenübergreifenden Gruppen bei bestehender Lese-Rechtschreibschwäche ab der 3. Klasse.
  • Motopädische Einzelföderung.

Religion

Die Waldorfschule ist keine Weltanschauungsschule. Sie ist ihrem Wesen nach christlich, konfessionell aber nicht gebunden: Kinder aller Glaubensrichtungen lernen zusammen.

Die Eltern bestimmen, welchen Religionsunterricht ihr Kind besucht. In allen Klassen wird sowohl evangelischer als auch katholischer Religionsunterricht angeboten, nach Möglichkeit auch Religionsunterricht der Christengemeinschaft. Die jeweiligen Kirchen sind für ihren Unterricht verantwortlich. Darüber hinaus erteilen Lehrer der Schule den konfessionslosen „freien“ christlichen Religionsunterricht.

Noten und Zeugnisse

Noten werden in der Unter- und Mittelstufe der Waldorfschule nicht erteilt. Das bedeutet aber keineswegs, dass Waldorflehrer Fehler – zum Beispiel in Klassenarbeiten – nicht korrigieren: Sie lassen es nur nicht bei dürren Noten bewenden, sondern zeigen in kürzeren oder ausführlicheren Würdigungen die individuellen Stärken und Schwächen der Arbeiten auf.

Ähnlich verfahren sie mit den Zeugnissen am Schuljahresende: Hier fassen die Lehrer die Entwicklungen, die sie während des vergangenen Schuljahres beobachten konnten, in ausführlichen Beschreibungen zusammen. Auf Leistungen, Stärken, Schwächen und Möglichkeiten gehen sie differenziert ein.

Bei den staatlichen Abschlussprüfungen – Hauptschul-, Realschulabschluss, Fachhochschulreife (Schulischer Teil) und Abitur – werden die üblichen Notenzeugnisse erteilt.

Abgesehen von der Oberstufe ist die Versetzung nicht an bestimmte Leistungsstandards und Zeugnisnoten gebunden, denn die Waldorfpädagogik orientiert sich nicht am Wissensstand, sondern an den altersgemäßen Entwicklungsstufen der Kinder und Jugendlichen. In der festen Klassengemeinschaft helfen Schüler, die sich mit einem Fach leichter tun, denen, die es schwerer haben. Schülern, die besonders schnell auffassen, geben die Lehrer schwierigere Zusatzaufgaben. Auf diese Weise lernen die Kinder und Jugendlichen ihrem Alter gemäß – auch dann, wenn ihre Entwicklung verzögert oder beschleunigt ist.

Die Abschlüsse

Obwohl Waldorfschulen nicht in erster Linie auf staatliche Schulabschlüsse ausgerichtet sind, ist die Freie Waldorfschule Marburg eine Schule mit staatlich anerkannter gymnasialer Oberstufe.

Nach der erfolgreich absolvierten 9. Klasse kann der Hauptschulabschluss erworben werden.

Nach der 10. Klasse ist der Abgang mit der Gleichstellung des erweiterten Hauptschulabschlusses ebenso möglich wie der Realschulabschluss.

Nach der 11. Klasse können die Schüler ebenfalls den Realschulabschluss erlangen.

Nach der 12. Klasse können die Schüler die Fachhochschulreife (Schulischer Teil) erwerben.

Mit Beendigung der 13. Klasse kann die Allgemeine Hochschulreife, das Abitur, erlangt werden.

Über die genauen Bedingungen der Versetzung in die Oberstufe und die Voraussetzungen der einzelnen Bildungsabschlüsse werden die Eltern rechtzeitig in Gesprächen und Elternabenden informiert.

Ein großer Teil der Waldorfschüler ergreift die Möglichkeit, nach der 13. Klasse das staatliche Abitur abzulegen. Welche Abschlussprüfung sinnvoll angestrebt wird, ergibt sich aus Gesprächen zwischen Schülern, Eltern und Lehrern.

Die Schulgestalt

Selbstverwaltung ohne Hierarchie

Waldorfschulen verwalten sich selbst – ohne Hierarchie und ohne Direktor; jede Waldorfschule gibt sich ihre eigene Organisationsstruktur. Verantwortlich für die wirtschaftliche und rechtliche Schulverwaltung ist ein Trägerverein aus Eltern, Mitarbeitern und Freunden der Schule. Der Vorstand setzt sich aus Eltern und Lehrern zusammen. Die Lehrer sind sowohl Mitglieder als auch Angestellte des Vereins. Die einzelnen Verwaltungsaufgaben werden an verschiedene Ausschüsse, Gremien und Arbeitskreise delegiert: zum Beispiel an den Finanzausschuss, den Baukreis, den Festkreis u. a.

Das Lehrerkollegium

Das Kollegium trägt die pädagogische Verantwortung für die Schule. Im pädagogischen Teil der Lehrerkonferenz werden Klassengemeinschaften, einzelne Schülerbiografien, Fragen des Lehrplans, Berichte einzelner Lehrer aus ihrer Arbeit und allgemeine pädagogische Themen intensiv durchgesprochen. Hier haben die Lehrer Gelegenheit, ihre menschenkundlichen, methodischen und didaktischen Kenntnisse zu erweitern. In der technischen Konferenz werden organisatorische Fragen behandelt. Die Schulleitungskonferenz nimmt alle Aufgaben wahr, die herkömmlicherweise einer Schuldirektion zufallen, wie Lehrerberufungen und wirtschaftliche Entscheidungen.

Schule der Eltern

Eltern legen die Grundlage für die Existenz der Schulen: Schulgründungen gehen aus Elterninitiativen hervor, Eltern halten die Schule am Leben. Sie setzen sich auf regelmäßigen Elternabenden mit den pädagogischen, organisatorischen und rechtlichen Belangen der Schule auseinander und begleiten kritisch die Entwicklung der Schulklasse ihrer Kinder. In Einführungsseminaren, pädagogischen Wochenenden und fortlaufenden Elternkursen werden gemeinsam pädagogische Fragen erörtert. Ein Eltern-Lehrer-Rat steht dem Lehrerkollegium beratend zur Seite; in zahlreichen Arbeitskreisen entwickeln die Eltern Ideen, welche die Schule wesentlich mitgestalten. Elternarbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Waldorfschule.

Schüler – Eltern – Lehrer – Öffentlichkeit

Waldorfschulen verstehen sich als Kulturzentren: Sie laden die Öffentlichkeit ein zu den Jahresfesten, zum Adventsbasar der Eltern, zu Theater-, Konzert- und Eurythmieaufführungen, zu Vorträgen, zum „Tag der offenen Tür“, zu öffentlichen oder internen Monatsfeiern, bei denen die Schüler zeigen, was sie im Unterricht erarbeiten. Viele Künstler nehmen gerne die Einladung an, auf ihren Tourneen in den Räumen der Waldorfschulen zu gastieren.